Transcript 2001 - 2014

Das Meer

Von Fatos Lubonja
Originalsprache: Albanisch
Übersetzung ins Deutsche von Joachim Röhm
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
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Für det, das albanische Wort für Meer, halten die Etymologen unterschiedliche, allerdings (wie so oft) nicht völlig überzeugende Erklärungen bereit. Zwei davon fand ich besonders interessant. Die eine führt das Wort det auf dal, also hinausgehen, weggehen zurück, die andere auf deub-eto, was tief bedeutet.

Das Meer als Ausgangstor

Ich kann mich an meine ersten Begegnungen mit dem Meer ganz gut erinnern. Natürlich nicht an die genauen Tage, aber ich weiß noch, dass die Adria, wenn die Familie mit dem Auto von Tirana nach Durrës an den Strand fuhr, stets an einer bestimmten Stelle vor uns auftauchte, nämlich hinter einem Hügel bei Sukth. Das jedes Mal wiederkehrende Gefühl der Überraschung ist mir so gegenwärtig wie der tiefe Eindruck, den die imposante blaue Fläche, die sich bis zum fernen Horizont erstreckte, bei mir hinterließ. Eigentlich hat sich an dem, was ich empfinde, wenn ich ans Meer komme, bis heute nichts geändert. Diese Gefühle wurzeln vor allem in der Auffassung vom Meer als Ausgangstor zur Welt. Das mag auch daran liegen, dass der Blick sogleich zum Horizont wandert, wo sich Wasser und Himmel vereinigen. Bei der Adria, so scheint mir, geschieht dies auf eine ganz besondere Weise, beide fließen so ineinander, dass fast kein Unterschied mehr zu erkennen ist. Die Symbiose von Himmel und Meer geht so weit, dass beim Wechsel der Jahreszeiten beide gemeinsam ihre Farbe ändern.

Wenn man dann am Strand von Durrës stand, entdeckte man an der Schnittlinie von  Meer und Himmel diverse Objekte, die wie Scherenschnitte vor einer gewaltigen Leinwand aussahen. Das waren die Schiffe, die vor dem Hafen von Durrës auf Reede lagen. Der Hafen war zu klein für alle, so dass manche auf das Löschen ihrer Ladung warten mussten. Als Kind war es für mich schwer, dies zu begreifen, weil ich mir die Dampfer und ihre Ladung nicht in ihrer Dinglichkeit vorzustellen vermochte. Bis heute empfinde ich, wenn ich vom Ufer aus Schiffe als dreidimensionale Körper auf dem offenen Meer fahren sehe, eine gewisse Enttäuschung, weil ihr zweidimensionales Bild seit meinen Kindertagen tief in mir steckt.

Von meiner Mutter, die ihre Kindheit in Durrës verlebte, weiß ich, dass es dort noch zur Zeit des Königs Zogu keinen ausgebauten Hafen gab, so dass es sehr viel länger dauerte, die Schiffe zu entladen. Man benutzte Lastkähne, die zwischen dem Schiff und dem Ufer hin und her fuhren. Mein Onkel schwamm mit seinen Freunden gerne zu den ankernden Frachtern hinaus oder begleitete die Kähne bei ihren Fahrten. Sein Vater war davon überhaupt nicht angetan, so dass er eines Tages beschloss, die Kinder in das Heimatdorf der Familie zurückzuschicken. Ein Verwandter redete es ihm aber aus, mein Onkel kam noch einmal davon. Später überraschte ihn der Krieg im Ausland, er blieb dort und kam im Leben weit herum.

In den Zeiten, in denen meine eigenen Erinnerungen einsetzen, war es nicht mehr möglich, sich den Schiffen zu nähern oder auch nur den Hafen zu betreten.

Nur als vages Bild aus den fünfziger Jahren, ich war damals noch ganz klein, ist in meinem Gedächtnis ein Schiff präsent. Meine Mutter kam damals mit einem sowjetischen Dampfer aus Odessa zurück. Der Bug, den ich verschwommen vor mir sehe, erschien mir unendlich hoch. Damals hielt Albanien noch zur Sowjetunion und dem östlichen Lager. Radio Tirana spielte damals häufig die albanische Version eines russischen Liedes, von dem ich die Melodie und einige Strophen bis heute behalten habe:

So hoch die Wogen schlagen,
Der Seemann hält stand,
Hab keine Angst, meine Liebe,
Das Schwarze Meer ist unser Schutz.

O Schwarzes Meer, mein Freund …

Dieses Lied gehörte für mich in eine andere Welt. Das Schwarze Meer, das Mittelmeer und die Küsten, an die ihre Wellen schlugen, die kühnen Seeleute, die mit dem großmütigen Beistand des Meeres den Stürmen trotzten, blieben mir fern.

Das Meer und das Ufer

In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schärfte sich mein kindliches Erinnerungsvermögen. Inzwischen war der Bruch mit der Sowjetunion vollzogen. Das Meer, das bedeutete für mich nun den schönen Strand der Bucht von Durrës, das Bad in den Wellen, das Hinausschwimmen, den feuchten Streifen am Ufer, auf dem wir Sandburgen bauten, die das Wasser bald verschluckte, den warmen Sand weiter hinten, in dem wir uns eingruben, wenn wir vor Kälte zitternd aus dem Wasser kamen.

Der Bereich, in dem man schwimmen durfte, war durch Bojen markiert. So wurden jedenfalls die verrosteten Blechtonnen genannt, die etwa hundertfünfzig Meter vom Ufer entfernt auf der Wasseroberfläche dümpelten. Dort war Schluss für unsere Schwimmausflüge, denn dem doppelten Verbot seitens des Staates und der Eltern musste man sich auf jeden Fall unterwerfen.

Natürlich wanderte unser Blick oft zum Horizont, vor allem, wenn die immer röter und so flächig wie die Schiffe werdende Sonnenscheibe langsam im Wasser versank, wenn bei Einbruch der Dunkelheit auf den Frachtern die Lichter angingen und der Anblick etwas Traumhaftes erhielt.

Die Schiffe auf Reede wechselten ständig, und der Moment, in dem sich eines in Bewegung setzte, war besonders beeindruckend. Wir verfolgten sie mit unseren Blicken, bis sie in den Hafen eingelaufen oder hinter dem Horizont verschwunden waren. Trotz der großen Entfernung lernten wir, sie nach ihrer Größe und Form zu unterscheiden. Eigentlich hätte man ein Fernglas gebraucht, aber derlei Instrumente standen im damaligen Albanien nicht zum Verkauf, und nur wenigen war der Besitz gestattet, hätten sie doch Dinge näher herangeholt, die man besser nicht sehen sollte, oder sie gar erreichbar erscheinen lassen, was eine ganz und gar unerwünschte Illusion war.

Manchmal tauchte auch der ganze Stolz der albanischen Flotte in der Bucht auf, die Vlora, das mit zwölftausend Bruttoregistertonnen größte Schiff Albaniens, der einzige Transozeandampfer. Drei Ringe in den albanischen Farben, also zwei rote und dazwischen ein schwarzer, schmückten den Schornstein der Vlora. Wer das Privileg genossen hatte, durch das Fernglas einen Blick auf den Hochseedampfer zu werfen, konnte berichten, dass auch der goldene Stern nicht fehlte. Bei jedem Auftauchen vor dem Hafen verglichen wir die Vlora mit den anderen Schiffen. War sie auch wirklich größer? Wir träumten alle von einer Besichtigung, den Wunsch, darauf zu reisen, getraute sich allerdings niemand zu äußern. Unsere Beziehung zum Meer war auf das sichere Ufer beschränkt.

[…]

Das offene, tiefe Meer

Meine Generation wuchs heran, und ihr Bild vom Meer bevölkerte sich mit historischen Ereignissen, die es immer tiefer erscheinen ließen, immer furchterregender und bedrohlicher. Meistens ging es um kriegerische Auseinandersetzungen, schon seit der Antike, als sich in diesen Gewässern griechische und römische Schiffe bekämpft hatten, als Caesar über die Adria gesetzt hatte, um am andern Ufer die Entscheidungsschlacht gegen Pompeius zu schlagen. Die Wracks der Schiffe schickten schreckliche Botschaften aus der Tiefe herauf.

Im zwanzigsten Jahrhundert verdichtete sich das Geschehen. Die Armeen, die im ersten Weltkrieg Albanien eroberten, kamen über das Meer. In das nämliche Meer jagten 1920 die albanischen Freischärler bei der Befreiung von Vlora und Sazan die italienischen Truppen. Von der Adria aus erfolgte der Angriff der faschistischen Armee, die Albanien 1939 besetzte. 1944 verminten die Deutschen die ganze Bucht von Durrës, weil sie vermuteten, die bevorstehende alliierte Invasion werde hier erfolgen. In der Meerenge von Korfu liefen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zwei englische Kriegsschiffe auf Minen und flogen in die Luft, und die Verminung blieb die ganzen fünfziger Jahre über bestehen.

Und der Argwohn gegen das vermeintlich bedrohliche Meer wurde weiter geschürt. Im Jahr 1961 begann in Tirana ein großer Schauprozess. Das Kino „Brigade“, in das nur ein handverlesenes Publikum eingelassen wurde, war von drei Kordons von Polizisten und Sicherheitsbeamten umgeben. Selbst Feuerwehrautos standen bereit. Beim Hauptangeklagten handelte es sich um den Kommandeur der Kriegsmarine. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stand, die Organe der Staatssicherheit hätten ein ungeheuer gefährliches Komplott gegen die Volksrepublik Albanien aufgedeckt, hinter dem gemeinsam der jugoslawische Geheimdienst UDB, die griechischen Monarcho-Faschisten und die im Mittelmeer stationierte 6. US-Flotte steckten. In Kollaboration mit den inländischen Verschwörern hätten sie einen blutigen Angriff gegen Albanien vom Meer her geplant.

Es handelte sich bei dem Verfahren um eine unappetitliche Kopie der stalinistischen Prozesse. Wer die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe zurückgewiesen hatte, war während der Voruntersuchungen umgekommen. Die anderen, die gestanden, wurden verurteilt und erschossen.

[…]

II.

7. August 1991

Der Ozeandampfer Vlora war eben von einer langen Reise nach Frankreich, Holland und Kuba zurückgekehrt, hatte im Hafen von Durrës angelegt und löschte nun den in einem kubanischen Hafen geladenen Zucker. Der Kapitän wunderte sich über die vielen Menschen, die sich auf der Anlegebrücke versammelten. So etwas war noch nie vorgekommen. Ihm war entgangen, dass der Hafen nicht mehr bewacht wurde. Während der Monate, die er sich mit seinem Schiff auf hoher See befunden hatte, hatte sich Unerhörtes ereignet, mit dem Sturz des Denkmals des Diktators auf dem Hauptplatz in Tirana am 21. Februar des Jahres als Höhepunkt. Der Kapitän wusste zwar, dass Menschenmengen in ausländische Botschaften eingedrungen waren und dort Asyl beantragt hatten, und auch, dass einige ausländische Schiffe gestürmt worden waren, um die Ausreise in den Westen zu erzwingen. Aber es ging über seine Vorstellungskraft, dass der Staat nicht mehr in der Lage sein sollte, den Stolz seiner Flotte, den Transozeandampfer Vlora, zu schützen. Er musste an eine Anekdote denken, die ihm in den Zeiten der Diktatur von einem Freund erzählt worden war. Jemand hatte auf die Frage, was er denn tun werde, wenn die ganze Adria zufriere, geantwortet: So schnell wie möglich den nächsten Baum besteigen! Warum denn das? Um nicht von der Menge zertrampelt zu werden, die aus dieser Hölle entfliehen will. Die Frau des Kapitäns hatte ihm dringend geraten, das Geschichtchen nicht weiterzuerzählen, denn wenn die Staatssicherheit davon Wind bekam, nahm man ihm als geringste Strafe sein Schifffahrtspatent weg. Er hatte die ganze Sache fast schon vergessen, doch nun, da sich die Prophezeiung gewissermaßen erfüllte, fiel sie ihm wieder ein. Zwar war das Meer nicht zugefroren, aber es wurde nicht mehr bewacht, und die Menschen strömten unter Lebensgefahr herbei, um aus der Hölle wegzukommen. Sie drohten dem Kapitän, ihn umzubringen, wenn er zu fliehen versuche, denn er müsse sie nach Italien bringen. Die Vlora war schnell überfüllt, doch die Leute hörten nicht auf, sie einander niedertrampelnd zu entern, kletterten auf den Schornstein und die höchsten Masten. Manche sprangen ins Meer und schwammen hinüber zum Schiff, von dem aus man Seile hinunterließ, an denen sie mit der Geschicklichkeit von Affen hinaufkletterten.

Der Kapitän warnte, sein Schiff benötige einige dringende Reparaturen, es bestehe die Gefahr, dass es sinke, aber sie zwangen ihn, in See zu stechen.

Augenzeugen berichten, dass es an Bord relativ ruhig zuging, wenn man bedachte, dass sich fünfzehntausend Menschen auf dem Schiff befanden. Vielleicht kam diese Ruhe daher, dass die meisten sich während der Reise ihren Träumen von einem Leben in Freiheit hingaben. Viele der Menschen auf den Decks hatten den Ozeandampfer jahrelang sehnsüchtig vom Ufer aus beobachtet, in der Reede und wenn er hinter dem Horizont verschwand, der die Diktatur von der Außenwelt trennte.

Augenzeugen berichteten auch von einer großen Solidarität an Bord.

Bei der Ankunft auf der anderen Seite der Adria veränderte sich die allgemeine Gemütslage dramatisch. Dort wartete die italienische Polizei, die alle Passagiere aus dem runden Bauch des Schiffes holte und in ein anderes Rund verbrachte: das Stadion von Bari, wo der Traum von einem glücklichen Leben in Italien der völligen Desillusionierung wich. Nun galt es, sich um jeden Preis ein wenig Wasser zu sichern, ein wenig von den Lebensmitteln, die italienische Hubschrauber abwarfen. Von Solidarität war keine Rede mehr, nun kämpften sie wie wilde Tiere um jeden Bissen Brot.

Die meisten Flüchtlinge wurden auf Fähren über das gleiche Meer, über das sie gekommen waren, nach Albanien zurückgeschickt. Der Rest kam mit dem Flugzeug.

Die Irrfahrt der Vlora bezeichnet den Augenblick, in dem am Ostufer der Adria die Freude über das Ende des Kalten Krieges erlosch. Angangs nahm sich die Siegerpartei noch großzügig der Opfer an, die mit dem Ruf: „Nun bin ich frei, meine Familie ist frei!“ in Strömen bei ihr Schutz, Zuflucht, Rettung, Arbeit suchten. Für ein paar Monate wurde das adriatische und ionische Meer zum weit offenstehenden Tor in die Freiheit, doch dann war es mit der Aufnahmebereitschaft auf der anderen Seite vorbei.

Ein neuer Krieg von anderer Art begann, gerichtet gegen die freie Wahl des Aufenthalts, weder kalt noch heiß. Es war der Kampf der Reichen im Westen zur Verteidigung ihres Wohlstands gegen die anstürmenden Armen. Das Meer wurde zum Kriegsschauplatz, und die Listen der Opfer wurden länger und länger. Es war ein mit ungleichen Mitteln geführter Kampf. Die Waffe der Armen waren stark motorisierte Schlauchboote, ein Transportmittel, das ihnen bis dahin gänzlich unbekannt gewesen war. Seine wichtigste Eigenschaft war die Schnelligkeit. Die Reichen hatten Fregatten und bewaffnete Hubschrauber, die mit modernen Ortungsgeräten ausgestattet waren. Die Armen vermieden den offenen Angriff. Sie waren in der Regel nachts unterwegs, mit dem einzigen Ziel, unbemerkt die Küste zu erreichen, um in das Territorium der Reichen eindringen und dort untertauchen zu können. Sie wollten sich so unsichtbar wie möglich machen. Die Reichen dagegen zeigten im Bemühen, die Eindringlinge abzufangen, ein Höchstmaß an Präsenz. Das Meer hatte für die Armen zwei Gesichter: ein freundliches, auf dem der Schimmer der Hoffnung lag, und ein häßliches, das dunkle Nacht und Lebensgefahr verhieß. Für die Reichen war es ein starker Verbündeter, weil es für die meisten der Armen ein unüberwindliches Naturhindernis darstellte. Wenn die Verrücktesten unter ihnen es dennoch herauszufordern wagten, nahm es den Reichen oft genug die schmutzige Arbeit ab.

[…]

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Den vollständigen Text sowie alle weiteren Beiträge finden Sie hier.

Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin.