Transcript 2001 - 2014

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Seit jeher beneide ich Orte, die so beschaffen sind, dass sich die Zeit an ihnen ablesen lässt. Ausgetretenes Pflaster zum Beispiel, von Tausenden Fingern blank geriebene Statuen, mit dem Zeug von Jahrhunderten vollgestopfte Dachstühle oder verwilderte Gärten, mit uralter Schrift versehene Felswände und auch Spuren von Kugelhagel im Mauerwerk – all das sagt mir sehr zu.

Es scheint, dass an solchen Orten inmitten des fließenden Stroms der Zeit etwas zum Halten, zu einem Stillstand gekommen ist, so dass das Wesen der Zeit für einen kurzen Moment aufzuleuchten scheint. Vielleicht hege ich aber auch bloß die Hoffnung, dass die Menschen an einem solchen Ort mit beschwert werden von dessen Geschichte, dass ihnen wenigstens für einen ebenso kurzen Moment ein Gewicht verliehen wird.

Ich selbst wurde in eine Welt der ausschließlichen Zukunft, in ein Universum ohne Hinterlassenschaft und Erbe hineingeboren.

Die Häuser, in denen ich bis zum Erwachsenenalter gewohnt habe, trugen nie Spuren irgendeiner, womöglich von Ahnen geprägten Geschichte. Immer waren die Wohnblöcke gerade erst errichtet worden und so frisch, dass beim Einzug noch jedes Mal der Beton zu riechen war.

Ich erinnere mich, dass mir zu jener Zeit ausschließlich die sogenannten kommenden Zeiten vor Augen standen. Die Gesellschaft im östlichen Teil Deutschlands empfand sich damals als Einbahnstraße, und zwar im positiven Sinne. Es ging nur vorwärts, in eine glorreiche und wünschenswerte Epoche hinein, die Kommunismus hieß. Im öffentlichen Leben war unablässig die Rede von dem, was gerade im Heranbrechen war, von einer neuen Zeit, die die alte überwunden hatte. Man hatte sich abgetrennt von der Vergangenheit. Alles war so neu und gewagt, dass es kaum Traditionen gab.

Dabei hätte es bleiben können, aber es kam anders. Was passierte, war ganz normal und hieß: Geschichte. Was wiederum heißt, man konnte der Zeit bei der Arbeit zuschauen.

Die Stadt, in der ich aufwuchs, war ein künstlicher Ort. Zu Zeiten des Sozialismus hatte man aus dem einstigen Fischerdörfchen eine kleine moderne Stadt gemacht. Anderswo im Land waren es Großbetriebe, Bergwerke oder Genossenschaften, die solche künstlichen Städte entstehen ließen, an dieser Stelle war es – zufällig – das Militär, das Häuserblöcke, ein Kino und ein Kulturhaus dorthin gestellt hatte. Nach und nach wurde das alte Dorf von neuen Straßen und neuen Gebäuden durchzogen. Für die alten Bewohner veränderten sich die Orientierungspunkte, aber die alten Bewohner waren nicht wichtig. Die meisten Menschen kamen von anderswoher. Sie waren die neuen Bewohner und hocherfreut über so viel Modernität.

Das einzige, was in der kleinen Stadt noch an eine frühere Zeit erinnerte, war die Kirche. Sie stand im Zentrum, war aber eine Art verbotener Ort. Zwar standen keine Warnschilder davor, aber sie wurde gemieden, geschmäht, ein Haus der ewig Gestrigen, wie es hieß, ein unnützes Relikt früherer Zeiten, während ringsherum Bauten einer neuen, anderen Zeit errichtet worden waren. Einer Zeit, die in die Zukunft wies. So wurde die Kirche allmählich vergessen; es entstand eine leere Mitte, um die herum sich das tägliche Leben abspielte, ohne dass jemand auf die Idee gekommen wäre, sie zu betreten. (Obwohl ich beinahe täglich dort vorbeikam, hielt auch ich mich wie vorgeschrieben fern.) Die Tannen, von denen der alte Backsteinbau umgeben war, zirkelten sie ab vom Rest, diese Insel einer untergegangenen Epoche, die nicht mehr galt. Wer doch hineinging, wurde registriert, ich weiß nicht, ob auch bestraft, aber zumindest doch belächelt. Und insgeheim beschuldigt, für seine Naivität, seine Dreistigkeit, seine überkommenen Ansichten. Er war, hieß es damals, eben einfach noch nicht angekommen im JETZT.

Ich weiß nicht, ob man sein Ich rettet, wenn man versucht, ein starrer Kiesel im sogenannten Strom der Zeit zu sein oder ob nicht gerade im Mitgehen mit der Zeit die wahre Bestimmung des Ichs liegt. Soll man in die Tatsache, dass alles und man selbst sich beständig verändert, einwilligen oder sich dagegen stemmen?

Fest steht, die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr. Inzwischen ist alles Moderne, sind die Gebäude der Zukunft verschwunden. Nach der Revolution 1989 wurde die Stadt als militärischer Stützpunkt unbrauchbar. Die meisten Bewohner zogen fort. Der Ort leerte sich und schrumpfte wieder auf seine frühere Größe zurück. Die  Gebäude wurden aufgegeben, abgerissen.

Alle, bis auf eines: die Kirche. Sie blieb übrig und steht noch immer dort.

Das Uralte ist inzwischen also wieder das ganz Neue, das einstmals Überholte das einzige, das überdauert hat.

Mir scheint, nicht ich habe mich bewegt, sondern die Welt um mich herum.

Die Kirche erinnert mich daran. Als Kind war Gott etwas sehr Unwirkliches für mich, ungefähr so wie eine Märchenfigur. Im Hinblick auf die Lebensdauer der Gebäude in dem Ort meiner Kindheit scheint es, er sei plötzlich mit ungeheurer Geschwindigkeit an die Gegenwart herangerast, als wolle er den verlorenen Abstand mit doppelter Geschwindigkeit wettmachen. Gott hatte mich, so kam es mir nach der Revolution eine Zeitlang vor, auf unverschämte Weise eingeholt.

Es heißt, die einzigen Dinge, die im Leben von Bedeutung sind, sind die Dinge, an die man sich erinnert. Das scheint erst recht dort von Bedeutung zu sein, wo es die Beweise einer Vergangenheit gar nicht mehr gibt.

Ich habe keine Beweise mehr für meine Vergangenheit.

Zwischen dem, was ich als Kind und dem, was ich als Erwachsene gelernt und erlebt habe, fehlt der Übergang. Es handelt sich um zwei Welten, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Das harmonische Wachstum – tapp tapp tapp, sanfte Schritte ins jeweils nächste Stadium hinein – ich habe es nie kennengelernt. Aber vielleicht existiert es ohnehin nicht, für niemanden. Die Verbindung zu meiner Kindheit jedenfalls ist kein Haus, das ich besuchen, kein Ort, zu dem ich hinpilgern könnte, kein Friedhof mit einer Stele oder wenigstens einem schlichten Grabstein darauf. Die einzige Verbindung ist meine Erinnerung. Diese Erinnerung aber ist von meiner Phantasie nach und nach so verändert worden, dass sie zu einer eigenständigen Welt des Vergangenen geworden ist.

Wenn ich also sage, ich schreibe über die Welt meiner Kindheit, dann meine ich diese geheime, selbstgebaute Welt. Aber was heißt geheim – da sie doch in den Büchern aufscheint und lebt! Gibt es denn einen Historiker oder Chronisten der anderen, der wirklichen Wirklichkeit, der meine Variante der Vergangenheit bestreiten könnte? Nein. Ich bin allein, was das betrifft. In diesem Fall bin ich allein die Verwalterin des Rechts der Vergangenheit. Ich weiß, dass alles untergegangen, verschwunden ist. Das Verschwinden macht, dass man zur Lügnerin, zur Mythomanin wird. Wie sonst sollte man den Schmerz aushalten?

Wer in der Schwerelosigkeit der Gegenwart aufwächst, weiß, dass nur die eigene Imagination die Fäden zurück zur Vergangenheit spinnen kann. Die Verbindung zum Gewesenen muss immer wieder neu erfunden werden. Nicht geschichtliche Exaktheit, sondern die Phantasie hält die Räume zusammen.

Als Schriftstellerin hinterlege ich Papiere, Notizen, gebundene Beschreibungen meines, unseres Lebens, in der Hoffnung, dass jemand durch den Ort meiner Existenz streifen wird. In der Gewissheit, dass er ein falsches Bild bekommt, die falschen Zeichen liest, da der Ort doch immer schon unkenntlich ist.

Das Schreiben von Erzählungen und Romanen ist nicht mehr als eine vermeintliche Bergung von Vergangenem. Es gibt sie nicht, die unbetroffene, unangerührte Zeit. Die sanfte Vermählung der Gegenwart mit dem Gewesenen. Es ist unmöglich, sich selbst zu finden. Als Autorin weiß ich, dass es ein lächerlicher Kampf ist, unsere Vorstellungen falsch, und dass es die Tat von Verzweifelnden ist, von an der Zeit Verzweifelnden. Eine ganz und gar altmodische Tätigkeit, dieses Nicht-Loslassen-Können, dieses Interesse für alles, was am Menschen träge ist, was ihn aufhält, ihn überhaupt in der Zeit hält, die Beschäftigung mit der schweren Masse Erinnerung.

In ihrem ersten Roman „Un barrage contre le Pacifique“ erzählt Marguerite Duras vom Kampf ihrer Mutter gegen den Ozean, der beständig die Felder und den Familienbesitz zu überschwemmen droht. Amerikanische Literaturwissenschaftler haben herausgefunden, dass die Familie Duras niemals am Pazifik gewohnt hat, sondern hunderte Kilometer entfernt, am Chinesischen Meer, wo ihre Ländereien nie überschwemmungsgefährdet waren.

Duras hat ihre Vergangenheit also maßlos übertrieben. Durch Maßlosigkeit wird die reale, die wirkliche Welt zu einer mythischen Welt. Die Welt in der Literatur ist eine Welt der Traum- und Wahnvorstellungen oder sie ist nicht. Erst diese Art von Mythos macht es möglich, Kontakt zu wesentlicheren Dingen aufzunehmen als den Fragen nach den Nachrichten des Tages oder dem politischen Weltgeschehen… Ohne diese Art des Mythos ist unsere Wirklichkeit eine amputierte.

Die Zeit der Literatur ist nicht die Gegenwart, sondern die Ewigkeit.

Das scheint mir das Verbindliche über alle nationalen Inhalte hinweg.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.

Alexandria © LCB

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