Transcript 2001 - 2014

ATHEN: DEZEMBER 2011

ICH TEILE MIT, DASS ICH EINES FEUCHTKALTEN DEZEMBERABENDS, ich weiß nicht mehr genau um wie viel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, und geschwind die Treppe hinunterlief, um in eine Welt hinauszutreten, die keinen Deut weniger kalt und unheilvoll zu sein schien als der innere Zustand, der sich nach meinen ersten Schritten einstellte.

Straßen gibt es in allen Städten, aber während sie anderswo aus Gehwegen, Häuserreihen und der leicht gewölbten Oberfläche des Asphalts bestehen, versperren sich die hiesigen Straßen einer Beschreibung anhand eindeutiger Merkmale. Welchen Namen auch immer sie haben, meist ist es, als seien sie eigentlich Metaphern der immer selben unerträglichen, empörenden, alles zunichtemachenden Verwahrlosung. […]

Das Herumirren schweigsamer Menschen durch die Straßen, in den Gebäuden und an den Haltestellen, ihre Anwesenheit und die Wahrnehmung ihrer Anwesenheit hinterlassen keine Zeichen an der Oberfläche des Lebens. Was einzig bleibt, ist der Anblick dieser ausdrucklosen Gesichter.

Der Kontakt mit den Gespenstern – mit dem im Jenseits Befindlichen – stellt das Leben wieder auf den Platz zurück, auf dem zuvor nur eine unreflektierte Gegenwärtigkeit waltete. Die schattenhaften Existenzen, denen wir auf der Straße ausweichen, indem wir das Gesicht abwenden oder unserem Spaziergang eine andere Richtung geben, verweisen auf das, was wir nicht sind. Sie mahnen uns, dass es hier auch einen „anderen“ gibt. Letztlich lehren sie uns, in Demut zu leben, im Bewusstsein dessen, dass jeder von uns durch irgendjemanden ersetzt werden kann. Jeder Schritt erschüttert unsere ontologischen Fundamente. Jede Wand ist ein Schrei aus Wörtern. Die Wände haben Münder.

Soweit ich mich heute, da ich dies alles aufschreibe, noch zu erinnern vermag, war ich, als ich auf die offene Straße trat, in einer etwas unerfreulichen, ärgerlichen Gemütsverfassung. Die abendliche Stadt, die sich vor meinen Augen ausbreitete, erschien mir anders zu sein als sonst, geradeso, als sähe ich sie zum ersten Mal. Obwohl das eigentlich nicht ganz richtig ist. Die Stadt kam mir nicht fremd vor, die mir so vertrauten Zeichen konnte ich mit der allergrößten Leichtigkeit wiedererkennen. Und trotzdem schien etwas falsch zu sein. Als wäre in der letzten Zeit etwas unmerklich kaputtgegangen. Auf dieselbe Weise, wie Maschinen kaputtgehen, bei denen, bevor sie endgültig ihren Geist aufgeben, irgendetwas aus den Fugen gerät, sie noch irgendwelche ungewöhnlichen Geräusche von sich geben oder ihr Rhythmus sich plötzlich verlangsamt.

Alles, was ich sah, wirkte auf eine subtile Art bedrohlich. Selbst von den unbeseelten Dingen wie den Müllbergen am Straßenrand, der aufgeplatzten Straßendecke und den zahllosen, in die Bürgersteige eingelassenen Eisenpollern ging eine unbegreifliche Bedrohung aus. Rasch vergaß ich, dass ich oben in meiner Stube soeben noch düster über einem leeren Blatt Papier gebrütet hatte. Alle Lust zur Aufzeichnung, alle Hoffnung, dieses pessimistische Unbehagen festzuhalten, war verflogen.
[…]

Ich war noch nicht dreißig Schritte weit gegangen, als ich beinahe über ein zusammengekrümmtes menschliches Wesen stolperte, das einer riesenhaften Schnecke glich. Bei genauerem Hinschauen erkannte ich einen Mann. In der Hand hielt er ein Stück Pappe. So wie er vornüber zusammengerollt dasaß, sein Gesicht fast den Bordstein berührte, war es mir nicht möglich zu lesen, was darauf geschrieben stand. Der Kehrreim, den er mit gebeugtem Haupt vor sich hinmurmelte, muss folgenden Wortlaut gehabt haben: „Ich habe Hunger. Ich habe Hunger.“
Als würde er den Betonplatten seine Sünden beichten.
Was ist nur los, dass alle nur noch mit verwaisten Worten reden? Ich denke an diejenigen, die abends planlos durch die Stadt ziehen, und von denen ein jeder sein eigenes einziges Wort entweder vor sich hin stammelt oder es, geschrieben auf ein Stück Papier, vor sich hält. Als wäre ihr ganzes Dasein auf die Länge eines einzigen Wortes zusammengestrichen worden.

Das Bild des gebückten Mannes erweckte den Eindruck eines beseelten Stücks Abfall. Etwas weiter daneben hatte sich ein herrenloser Hund hingestreckt, aber auch er hatte mir den Rücken zugekehrt und betrachtete gleichgültig die vorüberfahrenden Fahrzeuge, während er seine Vorderbeine gefällig über den Bordsteinrand hängen ließ.
[…]

ICH BÜCKTE MICH, UM DEN HUND ZU STREICHELN, als ich neben mir einer Gestalt gewahr wurde. Vorher aber habe ich das Auftreten eines Geistlichen zu vermelden. Eines Gemeindearbeiters, der mürrisch vorbeischritt, und sofort danach, ihm mit demselben Gang folgend, eines Militärangehörigen. Ein weiterer Passant darf nicht unbeachtet und unaufgezeichnet bleiben. Es handelte sich um einen Müllsammler.

Es ist gegen acht Uhr abends. In letzter Zeit ist die Stadt in ein Schweigen verfallen. Die öffentlichen Bauprojekte sind eingestellt worden, und die meisten lassen ihre Autos stehen und ziehen es vor, zu Fuß zu gehen oder sich in die Busse hineinzuzwängen, die, voll wie sie sind, weniger schmutzig wirken.

Vielleicht gerade deswegen, weil die Stadt zuletzt so schweigsam wurde, wirkt dieses klirrende durchdringende Geräusch, das im letzten Winter auf den Straßen plötzlich seinen Einzug hielt, so unheimlich. Ein metallisches Gerassel, das uns bis dahin unbekannt war. Vagabundierende Materialjäger, die mit klappernden Einkaufswagen durch die Straßen ziehen und die Müllcontainer nach Dingen absuchen, die noch irgendwie verwertbar sind. Weggeworfenes Alteisen zumeist oder Kabel.

Eines Nachts war die Straße mit kleinen flauschigen Stücken eines schneeweißen Schaumstoffes übersät. Im Abendwind oder im Luftstrom der vorüberfahrenden Autos wogten sie auf und ab wie Meereswellen. Es war, als hätte der Straßenbelag zu blühen begonnen oder als wäre die Straße zur Kulisse für eine Filmszene geworden, die den Einsatz von Kunstschnee erforderlich machte. Ein dunkelhäutiger Mann versuchte mit seinem Messer, eine ausrangierte Matratze vollständig auszuweiden, um ihr auch noch die letzten, sich widersetzenden Drahtfedern herauszuoperieren, und sie in seinen vollbeladenen Einkaufswagen hineinzustopfen.
[…]

Um ihren Schrott zu verkaufen, müssen die Buntmetallsammler schon tagsüber etliche Kilometer bis zu den Randbezirken der Stadt zurücklegen, wo sich die Sammelstellen für Altmetall befinden. Trotzdem ziehen sie völlig erschöpft noch bis zum Morgengrauen mit ihren Einkaufswagen durch die Stadtteile. Gespenster in einer Geisterstadt.

Der Hund labte sich an einer Wasserpfütze auf dem Gehweg. Zwei elegante Damen mit verblüffend kurzen Röcken und in raffinierten hohen Stiefeln wirken wie eine vorübergehende Dissonanz. Zeit, meinen Spaziergang fortzusetzen.

Φακός στο στόμα. Ένα χρονικό για την Αθήνα
© Polis Verlag, Athen, Februar 2012
Übersetzung © Wortbrücken/ Theo Votsos

From the photo story "Ballast" by Jean-Pierre Vallorani

From the photo story "Ballast" by Jean-Pierre Vallorani