Transcript 2001 - 2014

 

Syrien - Der schwierige Weg in die Freiheit

Syrien – Der schwierige Weg in die Freiheit

Syrische Kinder nach der Revolution – Über die Auflösung einer alten Struktur namens Angst

 Es war ein einprägsames Bild, diese Gruppe von Kindern, die vor ein paar Tagen vor meiner Veranda in einem Vorort von Damaskus tanzten und sangen. Die Kinder, die sonst mit ihren wilden Spielen und Ringelreihen lärmen, hatten an diesem Tag ein neues Spiel: Der Größte von ihnen – nicht älter als zehn – rief: »Was will das Volk?«, und die anderen antworteten: »Das Volk will den Sturz des Regimes«. Und dann sprangen sie in die Luft – wie die jungen Leute auf den Demonstrationen.
Nach ein paar Minuten gelang es dem Inhaber des Lebensmittelladens, sie mit Stockschlägen und Beschimpfungen zu zerstreuen – aber die Szene erinnerte mich an eine andere, deren Zeugin ich vor wenigen Monaten auf dem Schulhof einer Grundschule in Damaskus geworden war: Kinder standen heulend mit den Füßen an der Wand(1), deftige Ohrfeigen, die sie hatten einstecken müssen, in ihre zarten Gesichter geschrieben. Als ich die aufgebrachte Aufsichtsperson, die einen dicken Prügel in der Hand hielt, fragte, warum sie die Kleinen solcherart bestrafe, schrie sie mich an: »Was die sich rausnehmen, ist ungeheuerlich! Die haben heute bei der Pro-Demonstration, die wir auf dem Schulhof veranstaltet haben, den Präsidenten nicht bejubelt! Was für eine Unverschämtheit! … Aber morgen werden sie ihn ganz bestimmt bejubeln!« schimpfte sie weiter, indem sie einem der Schüler mit dem Stock auf die ausgestreckte Handfläche schlug. Was diese Kinder getan hatten – nämlich, dem Präsidenten die Unterwerfung zu verweigern – , wäre mir in ihrem Alter nicht eingefallen. Ich hätte mich nicht einmal getraut, darüber nachzudenken. Rebellion war ein Traum, der unsere angstgetränkten Baath-Pionier-Hirne nicht erreichte.
Diese beiden Szenen ließen meine Kindheit mit ihrer verlogenen Stabilität vor meinem inneren Auge Revue passieren.
Als ich klein war, traute ich mich nicht einmal, den vollständigen Namen des Präsidenten auszusprechen. Bei seinem Namen bekam ich Gänsehaut. Ebenso, wenn ein Bild von Präsident Hafis al-Assad, das damals die rechte obere Vorderseite unserer Schulhefte zierte, zerkratzt oder mit Tinte bekleckst wurde. Ich erinnerte mich an meine Schule, die etwas von einem Wüstengefängnis hatte, an die grimmig dreinblickenden Lehrerinnen, an die Baath-Lieder, die wir wie die Papageien heruntersangen, an die Bilder des Präsidenten und die Spruchbänder, die zu seinen Ehren aufgehängt wurden, an seine Aussprüche, die wir auswendig lernen mussten, an den Lehrer, der für den Pionierunterricht und das Exerzieren verantwortlich war. All die Dinge, die meine Kindheit militarisiert hatten, hinterlassen einen bitteren Geschmack.

In der Struktur unserer Kinder verändert sich deutlich etwas – nicht weil die Farbe der Schuluniformen sich geändert hätte (2), nicht, weil die Lehrpläne (ein wenig) moderner, weniger ideologieverhaftet und offener für die Wissenschaft geworden sind, und auch nicht, weil die militarisierten und entwürdigenden Pionierstunden aus dem Leben der Kinder getilgt wurden – das Ganze ist viel bedeutender und weitreichender, denn es betrifft ihre spontanen Reflexe, ihre Art, »Nein« zu sagen, ihr Selbstwertgefühl, und, wichtiger noch: ihren Mut, geradeheraus und ohne Angst zu sagen, was sie denken. Vielleicht, weil Freiheit damit beginnt, dass wir aus unserer stillen Ecke herauskommen, die uns die Autoritäten – seien es religiöse, gesellschaftliche oder politische – zugedacht haben. Wenn wir gegen die Gesetze dieser Autoritäten, die geschaffen wurden, um ihre Macht zu garantieren, aufbegehren, bewegen wir uns von einem Leben in Unterwürfigkeit und Gefügigkeit hin zu einem Leben, in dem wir gefordert sind, uns Fragen zu stellen und unser Bewusstsein zu schärfen.

An dieser Stelle entfällt die grundlegende Voraussetzung für die Erziehung nach altem Muster, nämlich die Angst vor der Obrigkeit, jeglicher Obrigkeit. So fragte die sechsjährige Tochter einer Freundin ihre Mutter, ob man sagen dürfe, dass man den Präsidenten nicht mag. Als die Mutter ins Stottern geriet, antwortete die Kleine ganz unbefangen: »Dann verhaften sie mich …, oder?« Als ich in ihrem Alter war, hätte ich mich nicht einmal getraut, darüber nachzudenken! Die ideologische Aufrüstung, der die Kinder meiner Generation unterworfen waren, machte die Schulen in den siebziger und achtziger Jahren zu einer Art Zweigstelle des Geheimdienstes. Die Kinder wurden behandelt wie Häftlinge. Heute steht hier kein Stein mehr auf dem anderen. Da ist keine Angst mehr, die sich in die Seelen unserer Kinder einbrennt. Vielleicht sind der unmittelbare Grund dafür die syrische Revolution und die jungen Revolutionäre, die in einer nie da gewesenen Form ihren Mut unter Beweis stellen, ihren Mut, mit dem sie Hunderte von Straßen, Vierteln, Dörfern und Städten angesteckt haben. Aber mir scheint, das ist nicht der einzige Grund, denn auf vielen Gruppen der syrischen Bevölkerung lastet immer noch das Joch der Angst. Die brutale Gewalt, von der das syrische Regime täglich neue Abarten erfindet, lassen manche noch tiefer in ihrer Furcht versinken.

Vor einigen Tagen gelang es mir, im Damaszener Viertel Mezzeh die Wohnung eines jungen Mannes zu besuchen, der wie durch ein Wunder aus der großartigen Demonstration gerettet wurde, die am Samstag, dem 18. Februar 2012, in Mezzeh stattgefunden hatte. Ein Geschoss, das die syrischen Sicherheitskräfte auf ihn abgefeuert hatten, war in seinem Bauch explodiert und hatte die meisten seiner inneren Organe zerfetzt.
Als ich vorschlug, die Geschichte ihres Sohnes zu dokumentieren, nahm ich in den Gesichtern seiner Familie abgrundtiefen Schrecken wahr. Plötzlich behaupteten sie, er habe an der Demonstration überhaupt nicht teilgenommen, sondern sei nur zufällig dort vorbeigekommen. Sie vermieden es auch peinlich, sich über die »Lage« im Land zu äußern – obwohl ich ihnen wiederholt versicherte, dass alles, was ich niederschreiben wollte, vertraulich sei. Seine alte Mutter murmelte nur die ganze Zeit über vor sich hin: »Gott steh uns bei! Gott steh uns bei!« Es hätte wohl nicht viel gefehlt und sie hätten mich hinausgeworfen. An der Tür sagte mir seine Schwester, die etwa mein Alter hatte: »Bitte! Wir sind einfache Leute! Vergessen Sie, dass Sie jemals hier waren!«
Ehrlich gesagt war ich ihnen nicht eine Sekunde böse. Wenn ich seine Mutter gewesen wäre, hätte ich vielleicht genauso gehandelt. Als ich die Treppe hinunter ging, dachte ich an mein altes Leben und die Blockade der Angst, die uns die ganze Zeit umgeben hatte – und wieder zog meine Kindheit an meinem inneren Auge vorüber, ruhig und verlogen.
Im Vergleich zwischen Syriens Kindern und seinen Erwachsenen ist meine Generation in einem Rahmen gefangen, der sich »Blockade der Angst« nennt. Diese Blockade hat vier Jahrzehnte lang gehalten, und sie hält noch immer. Ich will meiner und den früheren Generation gegenüber nicht ungerecht sein, denn natürlich gibt es Ausnahmen, besonders in den von der Revolution erfassten Gebieten, in denen die Angst mit den Ernten, den Häusern, den Menschen in Flammen aufgegangen ist.

Die Auflehnung gegen die Symbole der Macht bleibt aber nicht bei diesen stehen. Sie richtet sich nicht nur gegen das politische System, sondern gegen alle gesellschaftlichen, kulturellen, ja, religiösen Autoritäten. Sie bedeutet das Entstehen einer neuen psychischen Struktur bei den neuen Generationen, die keine Gefangenschaft kennen. Vor kurzem musste ich einmal mit meinem Sohn im Schulbus nach Hause fahren. Zufällig schlug an jenem Tag der Busfahrer einen Schüler mit einem Stock, den er unter seinem Sitz versteckt hatte – und mit einem Mal fingen in dem gedrängt vollen Bus die anderen Schüler, von denen keiner älter als zwölf Jahre alt war, wie mit einer Stimme an zu rufen: »Das Volk will den Sturz des Chauffeurs!«, worauf der Fahrer verstummte, so tat, als höre er nichts und weiterfuhr! Diese Eigenschaft kann für den Menschen nicht neu sein. Vielmehr ist diese Struktur in ihm angelegt. Sie entwickelt sich im Laufe seines Heranwachsens genau wie andere Werte und verdichtet sich auch genau so. Ich glaube, dass das, was das syrische Volk heute dazu bewegt, gegen die Angst aufzustehen und seine Freiheit einzufordern, nichts anderes ist, als der Versuch, zu dieser Struktur aufzuschließen, die in seinen Zellen geschlummert hat und die in all seinen allgemeinen und persönlichen Verhaltensweisen und Wertvorstellungen ausgelöscht war. Was in unserem Inneren und um uns herum geschieht, ist nichts anderes als eine tiefe Sorge, die sich Freiheit nennt – die Freiheit, die in unserer Gesellschaft zu gären begonnen hat.
Wahrscheinlich werden zurzeit viele von uns Müttern und Vätern durch die Fragen unserer Kinder in Verlegenheit gebracht. Es ist gerade so, als malten sie zu Hause Transparente mit der Aufschrift: »Das Volk will den Sturz der Erwachsenen!« Die Frage »Bist du für die Opposition oder das Regime?« geht ihnen leichter über die Lippen als ein Keks. Mein Sohn kam neulich ganz aufgeregt aus der Schule nach Hause und fragte: »Mama, liegt Deraa in Syrien?« Als ich das bejahte, sagte er: »Dann ist der Präsident also kein Syrer …« Als ich das wiederum verneinte, schien er erstaunt. Aber nach ein paar Stunden sagte er ruhig: »Wie kann er Syrer sein und erlauben, dass man dort Kinder umbringt?« In all den hitzigen Diskussionen, die in unseren Versammlungen und Wohnungen heute stattfinden, inmitten der Prognosen, Visionen und Analysen scheint es, als wäre nichts an Syriens Zukunft deutlich und als könne nichts als sicher gelten. Es scheint keine klaren Szenarien zu geben. Nur zwei Dinge sind, so glaube ich, sicher: erstens, dass Syrien nie wieder so werden wird, wie es einmal war, und zweitens, dass dieses alte morsche Gebäude einer Kultur der Angst, in dem wir aufgewachsen sind, bis auf die Grundmauern zerstört ist. Trotz des hohen Preises, der dafür zu zahlen ist: Die Freiheit bewirkt, dass wir uns von leblosen Gegenständen in Menschen verwandeln, und genau deswegen sind wir die Einzigen, die für unser Schicksal verantwortlich sind.

(1)  Eine gebräuchliche Strafe für Schulkinder in Syrien ist es, längere Zeit an der Wand auf einem Bein stehen zu müssen. (A. d. Ü.)

(2)  Vor einigen Jahren wurden die olivfarbenen, militärisch anmutenden Schuluniformen durch blaue ersetzt. (A. d. Ü.)

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