Transcript 2001 - 2014

Zerafa

Von Immanuel Mifsud
Originalsprache: Maltesisch
Übersetzung ins Deutsche von Regine Rosenthal
Thema: Malta
Standard-text | Formatierten text

Aus dem Maltesischen von Regine Rosenthal; der Texte wurde erstmalig in dem Sammelband „Kimika“ (Malta: Midsea Books, 2005) veröffentlicht. 

Er lebte zusammen mit seiner Oma und seinem Onkel, einem Junggesellen in den Fünfzigern, der auf den Trockendocks arbeitete, wie ein Kretin lief und über seine Konsonanten stolperte. Seine Mutter war an einem Herzinfarkt gestorben; sie war in der drückenden Augusthitze auf dem Dach gewesen und hatte Windeln zum Trocknen aufgehängt. Ihre Leiche wurde am nächsten Morgen mit krebsrot verbrannter Haut gefunden. Seinen Vater hatte er nie gekannt und seine Oma weigerte sich, über ihn zu reden. Jedes Mal, wenn er fragte, wechselte sie das Thema. Fertig.

Im Alter von fünf fing er an, Schwierigkeiten zu machen. Seine Oma ging regelmäßig in seine Schule, um sich bei der Rektorin zu beklagen, weil die anderen Kinder, für die er eine leichte Zielscheibe war, immer wieder seinen Bleistift und Radiergummi klauten. Die Lehrerin durchsuchte dann geduldig alle Schulranzen, um den Schuldigen zu finden. Oma machte diesen Beschwerdebesuch etwa zweimal in der Woche. Und dann sah ihn die Lehrerin eines Tages unter seinem Pult hocken, sein Radiergummi essen und zum Nachtisch seinen Bleistift in kleine Stücke zerbrechen. Oma ging nun nicht mehr in die Schule, aber die gelegentlichen Bleistift- und Radiergummi-Mahlzeiten gingen ohne Unterbrechung weiter.

Er wurde deshalb zu einem Psychiater geschickt, der ihn praktisch sofort aufgab. Jeder gab ihn auf, außer seine Oma und sein Onkel. Letzterer fand Gefallen daran, ihn gelegentlich zu streicheln und ihm zu erzählen, was er für ein hübscher Junge sei. Er mochte das. Er mochte das, obwohl er nie genau wusste, was Onkel Willy eigentlich wollte. Er mochte es sogar ziemlich, insbesondere wenn Oma weg war zum Einkaufen und Onkel Willy ihn badete oder auch zu ihm in die Wanne stieg und ihm zeigte, wie er würde, wenn er erwachsen war. Allmählich fing er an, Onkel Willy als seinen Vater anzusehen. So hatte er noch mehr Spaß an den Handlungen. Onkel Willy schenkte ihm ein duftendes Radiergummi und brach es in kleine Stücke, damit er im Bad oder Schlafzimmer daran knabbern konnte. Und Onkel Willys Radiergummis schmeckten besser als die weiße Schokolade, die ihm Oma gab. Er liebte seinen Onkel Willy. Er saugte seine Finger von Gummiresten sauber. Er küsste ihn auch.

Und dann plötzlich eines Tages tauchten zwei Polizisten mit einem deutlichen Klopfen an der Haustür auf. Als Oma öffnete und sie gesagt hatten, was sie zu sagen hatten, fing sie an zu schluchzen und zu schreien, bis sie in Ohnmacht fiel.

Onkel Willy war unter einem Kran auf den Trockendocks zu Tode gequetscht worden.

**

Er erhascht den Blick des Jungen aus der Fahrerkabine, als er den Lastwagen zurücksetzt, um die Getränkekisten abzuladen. Sein Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Obwohl er sehr dünn ist, sind seine Arme von der täglichen Schlepperei der unzähligen Kisten angeschwollen. Dunkelhäutig und barbrüstig in der Sommerhitze, saugt seine rote Haut die Sonne auf und wird bronzefarben. Er lächelt, als er seinen Blick auffängt, und als der Junge zurücklächelt, fühlt er sich erregt. Seine Erregung nimmt zu, als er beobachtet, wie er den Schweiß von seiner klatschnassen Brust wischt. Er steigt runter, geht herum und öffnet die Ladeluke. Als der Junge näherkommt, um die erste Kiste zu nehmen, zieht er ihn wortlos herüber und hält ihn in einem wilden Kuss, bis er seine Zunge im Mund herumwirbeln fühlt. Bis sie beide außer Atem sind.
– Tu das nie wieder. Nicht hier draussen. Willst du etwa, dass wir gesehen werden, du Idiot?
– Dein halbnackter Anblick hat mir einen Ständer gemacht.
– Aber nicht hier draußen!
– Wo sonst?
– An unsrer gewohnten Stelle.
Wahllos herumliegende Kisten von leeren Flaschen, die einen bitteren Geruch abgeben. Schwaches Sonnenlicht sickert durch das Ventilationsgitter und die Ritzen in der Tür. Kaum hat er die Tür zugezogen, hat er mit einem einzigen Ruck Hosen und Unterhosen des Jungen heruntergezogen und ihn gegen die Wand gedreht.
– Nein, nicht so rum, du Biest.
– Wie sonst? Bück dich schon.
Er zwingt ihn, sich zu bücken, öffnet seinen Hosenlatz und fühlt sich schon steif werden, ein Mann. Er feuchtet die Spitze seines Gliedes mit etwas Spucke an und rammt es in den Jungen, der sofort wie ein kleines Mädchen heult. Seine Finger schließen sich dichter um seine Taille und der Schweiß fängt an zu laufen in das Durcheinander der Kisten dieses insektenverseuchten kleinen Raums. Als der Junge nach Atem ringt, zieht er das Tempo seiner Stöße an.
– Au, das tut weh!
– Bleib einfach so.
– Aber das tut weh!
– Halts Maul und lass mich machen.
Er beschleunigt den Rhythmus, bis er kommt. Keuchend zieht er den Reißverschluss hoch und öffnet die Tür zum Gehen.
– Du bist ein wildes Biest!
Er schaut über seine Schulter auf den Jungen, der seine Hose hochzieht und ihm böse Blicke zuwirft, eine Mischung aus Hass und Begierde in seinen Augen.
– Eines Tages werde ich dir zeigen, was ein wildes Biest ist. Jetzt mach weiter mit dem Abladen von den Kisten.

Er klettert hoch auf den Fahrersitz, zündet eine Zigarette an und nimmt einen langen Zug.
Der Junge braucht seine Zeit mit dem Abladen der Kisten, sein Kopf die ganze Zeit herabgebeugt. Als er ihn im Rückspiegel beobachtet, kann er sehen, wie geschunden er ist, und er lächelt, während seine aufgesprungenen Lippen sich hart um die Zigarette schließen.

**

Im Alter von vierzehn fingen seine Gesichtshaare an zu wachsen.
– Wenn nur unser Willy noch lebte, dann könnte er dich rasieren. Oder wenigstens dir beibringen, wie man das macht. Warum gehst du nicht zu Anġlu? Er könnte’s dir zeigen.
– Wen interessiert das, Oma?
– Aber du wirst erwachsen, mein Lieber. Ich hab keine Ahnung, was Männer da machen. Dein Grossvater hat Willy gezeigt, wie das geht. Ich kann dir doch nun mal nicht helfen, oder?
– Ach sei still, Oma!
Aber dann hat er doch schließlich Anġlu aufgesucht, weil die anderen Kinder anfingen ihn zu ärgern. Sie fingen an, ihn ‘Besen’ zu nennen. Anġlu rasierte ihn zum ersten Mal und zeigte ihm, wie man das macht.
Aber als er rasiert wurde, amüsierte sich Anġlus Tochter über ihn, während sie mit ihrer weißen Katze schmuste. Er warf ihr giftige Blicke zu und wollte ihr wehtun.

Am selben Abend, seine Haut wund von der Klinge, die ihn rasiert hatte, und das Bild von Anġlus entblößtem, eingefallenen, gegen sein Gesicht streichenden Brustkorb vor Augen, machte er sich auf zum Tal mit der zappelnden weißen Katze im Sack. Er erreichte Bangers Hütte, ging um die Rückseite herum, und fand einen Haken, den er und Jacquelines Bruder angebracht hatten. Sie hatten einen Feuerwerkskörper drangehängt und hochgehen lassen. Er befestigte eine Kordel um die Sacköffnung und zog die immer noch zappelnde Katze hoch. Dann stieß er mit den Füßen die Tür zur Hütte auf und ging schnurstracks zur Ecke, wo Banger seinen Kerosinvorrat aufbewahrte. Er schnappte sich die erste Dose, die er finden konnte, schwang sie hin und her um sicherzugehen, dass sie auch nicht leer war, und ging zurück um die Hütte herum. Er tränkte den Sack gründlich mit Kerosin und lächelte, als der Umriss der Katze durch das Sackleinen sichtbar wurde und sie mit jetzt deutlich hörbarem Jammern immer mehr zappelte. Er nahm das Feuerzeug, das er bei Anġlu hatte mitgehen lassen, als er wegen der Katze kam, spuckte auf den Boden und hielt die Flamme hoch, bis der Sack allmählich völlig in Brand stand. Dann setzte er sich auf einen Stein und erfreute sich an dem Knurren und Kreischen der Katze, bis die Flammen ein Loch in den Sack gefressen hatten, dieser aufriss und eine zum Feuerball gewordene Katze freigab. Sie war außer sich, rannte hin und her und krachte brennend gegen Gegenstände. Dann wurde es plötzlich still. Er stand auf, zog seine Hosen herunter und sah sich um, ob er auch allein war. Er setzte sich wieder hin und masturbierte. Dann ging er nach Kerosin riechend mit fleckigen, klebrigen Hosen zurück zu seiner Oma.

**

Der offene Markt. Die Menge drängt sich in einer wahren Kaufwut. Plötzlich erblickt er Grezzju, sein glänzendes Haar mit Brylcreme bearbeitet und eine Tüte mit Bändern und Videos unter dem Arm. Seine andere Hand hält einen Jungen, der etwa acht Jahre alt sein muss.
– Was kaufst’n, Grezz?
– Paar Bänder. Volkslieder, gutes Zeug. Und’n paar gute Videos.
– Filme?
– Mickey Mouse.
– Aha, für das Kind.
– Nee. Hast nicht kapiert. Hautstreifen.
– Das dein Sohn?
– Mhm, mein Jüngster.
Er beäugt den Jungen. Er hat dunkle, glatte, auf die Schulter fallende Haare. Groß und breit für sein Alter, mit Lippen so voll und rot, dass sie mit Lippenstift bemalt sein könnten. Der Junge schaut schüchtern zurück, zieht an der Hand seines Vaters und verkriecht sich hinter seinem Rücken.
– Ziemliche Ähnlichkeit hier.
– Das ist der Jüngste, mein Freund. Sag Guten Tag zu dem Mann. Haste deine Manieren vergessen?
Seine Augen sind auf den Jungen geheftet. Er starrt auf diese Lippen, diesen weißen Nacken.
– Also was ist mit den Videos? Taugen die was?
– Du verscheißerst mich wohl. Ich schau sie, wenn ich nach Haus komm, während die Frau mittagschläft.
– Gut.
– Das vertreibt die Zeit, weißt was ich meine?
– Natürlich.
– Du weißt, wie das ist.
– Sicher. Vertreibt irgendwie die Zeit.
Seine Augen sind hinter dem kleinen Jungen her, der sich noch immer schüchtern hinter seinem Vater versteckt.
– Hast nix gekauft?
– Nee, da gibts doch nix echt zu kaufen, weißte?
– Nix zu kaufen, sagt er! Also wirklich, hier gibts alles, was man sich nur wünschen kann!

Aber Einkaufen ist nicht der wahre Grund, warum er zum offenen Markt geht. Er fühlt gerne das Gedränge der Menge, immer auf der Ausschau nach einem kleinen Jungen, gegen den er streifen kann, ein Junge wie Grezzjus Sohn. Er kehrt so vom Markt zurück, wie er gekommen ist – mit leeren Händen. Er verschlingt die kleinen Jungen mit seinen Blicken. Einer ist direkt neben ihm, Grezzjus Junge, und wie gerne würde er ihn aus der Nähe fühlen. Schon das Verfolgen des Jungen mit seinem Blick hinter dem Rücken des Vaters gibt ihm einen Ständer; der Junge hat einen Finger im Mund und die Angst steht ihm in den Augen. So lächelt er ihn an und versucht, näher zu kommen, aber der Junge verkriecht sich.
– Der kommt nach seiner Mutter. Verdammt schüchtern.
– Aber lieb. Ich kauf ihm ‘ne Schokolade.
– Lass man. Er hat massenhaft zu Hause.
– Ach was, keine Mühe. Er mag bestimmt Schokolade. Du magst doch Schokolade, oder?
– Wirklich, vergiss es. Er stopft sich sowieso voll genug.
– Ach hör doch auf, Grezz. Komm mit Kleiner, ich hol dir ‘ne Schokolade.

Als er näher kommt und seine Hand nimmt, ist der Junge verblüfft und starrt hoch zu seinem Vater. Er hält die Hand des Jungen fest, achtet nicht auf Grezzju, und zieht ihn hinter sich her zum Süßigkeitenwagen, der gleich beim Markt geparkt ist. Sein Daumen streichelt die Hand, als er zieht, und er genießt das Gefühl dieser weichen, in seine Handfläche gepressten Finger. Sein Glied wird auch größer. Er wünscht, er könnte den Jungen sofort mitnehmen irgendwohin, wo er ihn abfühlen kann, aber der Markt ist zu voll, er könnte gesehen werden.
– Hast du dich bedankt?
Der Junge starrt auf seinen Vater und hält die Tafel Schokolade fest.
– Keine Ursache, ehrlich.
– Hör mal, wir müssen gehn. Es ist halb zwölf und die Frau wird sich beschweren.
– Ihr geht also?
– Ja Mann, wir müssen los. Also mach schon, bedank dich für die Schokolade oder das nächste Mal, wenn ich zum Markt geh, bleibst du zu Haus. Mach schon, bedank dich.
Der Junge starrt nur und versteckt sich dann hinter dem Rücken seines Vaters.

**

– Komm hierher, Zerafa! Wo sind deine Hausaufgaben?
– Hab se nicht gemacht.
– Was heisst das, hab sie nicht gemacht?
– Hab se eben nicht gemacht.
– So, wirklich? Hab sie einfach nicht gemacht? Streck deine Hand aus.
– Oh nein, bitte, Herr Lehrer.
– Ich sagte, streck die Hand aus!
– Bitte, nein.

Herr Spiteri zieht ihn am Ohr zur Klassenzimmertür. Alle glotzen, als er stolpert und fällt. Herr Spiteri zieht ihn an den Schultern hoch auf die Füße, öffnet die Tür und begleitet ihn hinaus auf den Flur. Einige der anderen Kinder stehen auf um zu sehen, was vor sich geht, und rennen dann wieder zurück auf ihre Plätze. Im Klassenzimmer fangen sie an, seine Schluchzer und Schreie zu hören.

Am nächsten Tag ging er nicht zur Schule, auch nicht am folgenden Tag.
Dann tauchte er wieder auf und verbrachte einen ruhigen Morgen, zerkrümelte und kaute Radiergummis und malte große Ungeheuer, die Menschen töteten und auffrassen.
– Zerafa, nimm dein Buch raus.
– Ich hab’s vergessen.
– Also Hand raus.
Er streckt eine zitternde Hand aus und fühlt, wie das dicke Lineal seine weiße Innenhand schlägt. Sofort erscheinen Striemen. Eine, zwei, drei.

Seine Hand schmerzt und ist geschwollen. Die Tränen beißen ihm in den Augen, seine Wangen sind rot vor Wut. Wenn Onkel Willy noch lebte mit seinen starken Armen, die zum Schleppen von Stahl auf den Trockendocks gemacht sind, würde ich ihm von dir erzählen. Ich würde ihn dazu kriegen, dass er herkommt. Danach würdest du mich nicht mehr mit dem Lineal da schlagen. Ich würde ihn gegen dich aufhetzen, ihn auf dich loslassen.
– Was murmelst du da Zerafa?
– Nichts.
– Was hast du gesagt, wen würdest du auf mich loslassen?
– Niemand.
– Hat die Katze jetzt deine Zunge erwischt? Wen hast du gesagt würdest du auf mich loslassen?
– Niemand hab ich gesagt.
– Streck deine Hand nochmal aus.
– Nein.
– Ich sagte Hand raus!
– Nein!

Er ergreift den Jungen am Nacken und zieht ihn zur Klassentür. Der Junge wehrt sich und klammert sich an der Tür fest, bis sein Kopf mit einem Aufprall gegen das Glas stößt und Blut auf die Scheibe spritzt.
Alle sind schockiert. Sogar Herr Spiteri, der zitternd versucht, dem Jungen wieder auf die Füße zu helfen. Dann erscheinen eine Menge Lehrer auf der Bildfläche und der Rektor versucht, die Situation in den Griff zu bekommen.

Und wieder hat er Gelegenheit, den Psychiater zu sehen:
– Also nun erzähl mir mal: Warum hast du an dem Tag deinen Kopf gegen die Tür geschlagen? Hat dich jemand geärgert?
Er antwortet nicht. Starrt zurück auf den Mann mit den dicken Brillengläsern, während seine Oma eine Antwort aus ihm herauszulocken sucht. Niemand weiß, warum er seinen Kopf gegen die Tür geschlagen hat. Niemand weiß, warum er wiederholt dagegen geschlagen hat, bis das Glas zerbrach und er vor Blutverlust fast die Besinnung verlor. Keiner kann verstehen, warum er seinen Kopf gegen die Tür schlug, wo der Lehrer ihn doch nur auf den Flur nehmen und beruhigen wollte. Niemand hat es jemals wirklich verstanden.

Das Ergebnis war, dass er in eine Sonderschule für Lernbehinderte geschickt wurde, wo er seine Tage damit verbrachte, zu malen und mit den hie und da geklauten Bleistiften zu spielen. Gelegentlich verspeiste er einen.
In der Sonderschule traf er Michael. Mit Michael fingen die Experimente an, jeden Nachmittag im Gestank der Schultoiletten. Er begann, Michael zu lieben und ihn Willy zu nennen.

**

Sonntag Nachmittag gegen eins. Mit einer Plastiktüte voll Bonbons und Schokolade kam er bei Grezzju an und klingelte. Seine Augen fielen neben der Klingel auf die Keramiktafel mit dem gemalten Heiligen Herz der Maria, bis drinnen näherkommende Fußtritte hörbar wurden.
Die Tür öffnet sich und Grezzju steht mit einem breiten Lächeln da.
– Glaubte schon, du schaffst es nicht.
– Musste irgendwie mit dem Bus fahren. Weißt ja, wie das ist.
– Hättst mir doch sagen können. Ich hätte dich abgeholt. Komm rein.
Ein Geruch nach Eintopf hängt überall im Haus. Grezzju führte ihn in das Wohnzimmer, wo der Fernseher war, und wies ihn auf das Sofa, während er ein Bier holen ging. Als Grezzju weg war, musterte er seine Umgebung: Die Kommode voll mit Gläsern, das Geschnatter der ausgestopften Vögel, die dich anstarrten wie böse Geister, die am Rundbogen aufgehängten Fotos von Grezzju mit seiner Frau am Hochzeitstag, von mehr Vögeln und von den Kindern. Ein Foto war von Grezzjus Sohn, als Zorro in Karnevalsverkleidung mit einem dicken, gemalten Schnurrbart auf der Oberlippe.

Er war gefesselt von dem Foto, bis seine Augen auf ein anderes Bild des Jungen fielen, diesmal in einer ärmellosen Weste mit Shorts und Eis schleckend. Er starrte darauf, stellte sich auf, um besser sehen zu können, nahm den silbernen Rahmen in die Hand und schaute lange und intensiv auf die Augen des Jungen.
– Haste ihn erkannt? Mein Jüngster, war mit mir am letzten Sonntag.
Erschreckt stellt er das Foto zurück und dreht sich zu Grezzju um, der ihm von seinen zwei Biergläsern in der Hand eines gibt.
– Isser nicht hier heute?
– Nee, natürlich nicht. Hab dir doch gesagt, dass es nur du und ich sein würden, nicht? Die Frau geht Bingo spielen und nimmt die Kinder mit. Sie ist bis heute Abend weg, deshalb hab ich Nachmittag zu dir gesagt.
– Nun, hier sind Bonbons für den Jungen. Ich hab ihm auch’n Bleistift und Radiergummi für die Schule mitgebracht.
– Ach, das hättest du nicht sollen! Kinder heute haben alles was sie brauchen. Bei uns war das anders. Setz dich.
Er sitzt auf dem Sofa und nimmt einen Schluck eiskaltes Bier, während Grezzju eine Videokassette einlegt und den Fernseher anstellt. Sobald sich Grezzju neben ihn setzt, erscheint ein Gewirr von Haut auf dem Bildschirm.
– Das ist echt gut da.

Sie stierten auf den Bildschirm und zwischen Schlücken von Bier tauschten sie gelegentliche Kommentare zu den Szenen aus. Plötzlich fühlte er Grezzjus Fingerspitzen gegen seine Schenkel streichen. Da endlich dämmerte ihm, was Grezzjus wahre Absichten auf ihn waren, warum er ihn zu sich nach Hause geladen hatte zum Anschauen eines der Videos vom offenen Markt. Er verstand auch, warum Grezzju laufend darüber redete, dass seine Frau ihn nicht mehr an sie ran ließ seit der Geburt des Jüngsten. Er ließ Grezzjus Hand seine Schenkel hochstreichen, ihn berühren und streicheln, bis beide ihre Absichten klar gemacht und sich verständigt hatten.

Minuten später lief das Video immer noch, aber Grezzju kniete mit dem Kopf tief in seinen Schoss vergraben, während seine Augen gelegentlich zwischen dem Fernsehschirm und dem Bild des eisschleckenden Jungen hin und her wanderten. Manchmal schloss er halb seine Augen oder schaute auf Grezzjus wippenden Kopf; dann starrte er wiederum mit großen Augen auf das Foto des Jungen in der ärmellosen Weste. Das also wollte Grezzju. Lassen wir ihm den Spaß, mit seiner Frau hatte er ihn doch nicht.

Als er fertig war, ging Grezzju in die Küche und spülte am Waschbecken seinen Mund aus. Der Film lief weiter auf Hochtouren. Sie öffneten noch ein Bier und beobachteten die wogenden Körper auf dem Bildschirm. Und dann ließ sich Grezzju wieder vor ihm auf die Knie, mit ständig auf und ab wippendem Kopf, und er starrte wiederum auf das Foto von dem Jungen in der ärmellosen Weste. Er sah auf die eisleckende Zunge des Jungen – diese Augen – und erinnerte sich an die weichen Finger, als er ihn vor einer Woche auf dem offenen Markt an die Hand genommen hatte.
Und dann forderte ihn Grezzju auf sich zu revanchieren und sie hatten beide ihren Spaß.

**

Gander fluchte laut, als Banger seinen Poker offenlegte und wahrscheinlich zum sechsten Mal den Gewinn einstrich.
– Leck mich, Banger, ich bin komplett pleite, verdammt noch mal!
– Nur noch ein Spiel. Man weiß nie, das könnte deine Glückspartie sein.
– Verpiss dich. Ich hab’s satt. Hab nicht mal genug für ein Bier.
– Lel, eine Runde Bier. Ich hatte einen guten Morgen.
Das Kartenspiel, mit Bangers Poker ganz unten, lag verlassen mitten auf dem Tisch zwischen halbleer herumstehenden Bierflaschen und einem Aschenbecher, der vor verbrannter Asche und Zigarettenstummeln überquoll. Die Männer streckten sich auf ihren Stühlen und verfluchten Bangers Glück, insbesondere Gander, der schon immer schlecht verlieren konnte. Sie waren alleine im Club zurückgeblieben, abgesehen vom Kellner Leli und ihm selbst. Er saß wartend in einer Ecke.

– Nun, wenn das nicht Willys Junge ist. Warum bist du nicht in der Schule, du Wiesel?
Er lächelt, zwinkert Gander zu und heftet seine Augen auf ihn.
– Weiß deine Oma, dass du hier bist?
Er lächelt weiter, denn er weiß, was auf ihn wartet.
– Willst du ‘ne Cola? Hol ihm ‘ne Cola, Banger. Das arme Kind hat ‘ne Ewigkeit da gewartet.
Leli öffnet ihm eine gekühlte Cola und sagt ihm, er soll sie schnell trinken und verschwinden. Kinder durften nicht in den Club. Er schlürft langsam seine Cola, verweilt und beobachtet, wie die alten Männer sich um die Bar versammeln, um ihr Bier hinter die Binde zu gießen. Gander wirft ihm von der Seite einen Blick zu und zwinkert. Er gleitet in die Toilette, um auf den Mann zu warten. Geruch von altem, überall auf dem Boden verspritzten Urin vermischt mit Paraffin. Eine 25-Watt Birne, die kaum Licht abgibt. Schließlich kommt Gander und zieht beim Eintreten den Reißverschluss seiner Hose runter. Dort im Halbdunkel hat er Spaß daran, Gander zu befriedigen, bis sie aufgeschreckt werden durch ein Klopfen an der Tür und Bangers heiseres Flüstern.
– Beeil dich doch Gander, ich will auch noch was.
– Beruhig dich, hörst du?
– Mach schon!
So drängt ihn Gander fertigzuwerden. Sie können sich keine Zeit lassen, da Banger offensichtlich in Eile ist und er anfangen wird, Lärm zu machen, zu fluchen und gegen die Tür zu hämmern. Er sitzt mit verglastem Gesicht auf der Toilette und umklammert die 50-Cent Münze, die Gander ihm in die Tasche gesteckt hat, als er Banger reinkommen und seine Hose aufknöpfen sieht.
– Wieviel haste von Tal-Gundajra gekriegt?
– Ein Pfund.
– So, ist das wahr, du verdammter Scheisskerl? Hat dir also ein Pfund gegeben? Dann zeig mal her.
– Er hat gesagt, er gibt es mir, wenn ich rauskomm.
– Lügner. Hier sind 50 Cents. Mach schon, du Großmaul, ich hab dir ja schon ‘ne Cola gekauft, nicht wahr?

Banger stinkt zum Himmel, aber das ist eine glänzende 50-Cent Münze, die er da auf den Boden geworfen hat, auch im schwachen Licht der 25-Watt Birne. Außerdem war Banger ein guter Freund von Onkel Willy. Sie waren jeden Abend zusammen im Club und Wurst-Banger hat sogar an der Beerdigung Onkel Willys Sarg getragen, den ganzen Weg vom Leichenwagen in die Kirche. Onkel Willy hatte einmal gesagt, dass er Banger immer helfen solle mit was immer er brauche, weil er auch ein guter Freund seines Vaters gewesen war, und er solle ihm nie irgendwelche Bitten abschlagen. So kommt Banger an die Reihe nach Gander, und da gibt es kein wenn und aber, weil er ein Freund der Familie ist.

**

Am Montag Morgen ist er scharf drauf, die Getränkekisten zum Supermarkt zu bringen. Dieser weiche Jüngling wird da sein und wenn ihm danach ist, kann er ihn im Lagerraum ficken. Er hatte Grezzju kurz vorher gesehen. Der Kerl hatte geblinzelt und gefragt, wie er zu einer weiteren Sitzung am Sonntag stehe. Natürlich hatte er ‘warum nicht’ gesagt. Der Kleine könnte ja da sein, man kann nie wissen.
– Zerafa.
– Ja?
– Wo warst du am Freitag Nachmittag?
– Beim Ausliefern.
– Ausliefern, was?
– Klar. Ich war ‘n bisschen spät dran wegen dem Verkehr.
– Also hör mal gut zu. Wenn du das noch mal machst, bist du am Ende hier.
– Ist nicht meine Schuld, wenn so viel Verkehr ist.
– Ich hab um drei Uhr nach dir Ausschau gehalten und du warst nicht da. Das ist das letzte Mal, hörst du?

Der Sohn vom Boss war ein gemeiner Kerl. Der gab nicht auf. Wollte mit eiserner Hand regieren, wie er einmal gesagt hatte. Wollte klar machen, wer der Boss ist. Er fluchte ununterbrochen, als er den Laster mit Sprudelkisten belud. Als er fertig war, fuhr er los zum Supermarkt, wo der junge Kerl in der Nähe vom Speicherraum warten würde.
– Komm her, du da. Mußtest du unbedingt über letzten Freitag quatschen, wo ich nicht gekommen bin?
– Wer, ich? Was hab denn ich mit irgendwas zu tun? Ich, ich hab nur hier auf dich gewartet und dann hat der Boss die Leute auf deiner Seite angerufen.
– Los, komm zum Vögeln.
Der Junge lächelte und sie gingen beide in den dunklen Lagerraum, wo die leeren Flaschen gestapelt wurden. Der Junge zog sich sofort aus und wartete auf ihn.
– Bück dich.
Der Junge tat, wie ihm bedeutet wurde, in Erwartung des üblichen Rituals. Stattdessen fühlte er sich von einem Besenstiel durchdrungen.
– Das tut weh!
– Soll’s auch.
– Ich hab gesagt, das tut weh!
– Ja, das soll’s auch.
Er nahm sein Taschenmesser aus der Tasche und ritzte den Rücken des Jungen an, bis die Haut aufplatzte und dünne Rinnsale von Blut erschienen. Das gab ihm einen Ständer, das ganze sich vor seinen Augen abspielende Schauspiel in dem dämmrigen, geschlossenen Raum. Der Junge keuchte, Tränen liefen ihm über die Wangen, als er den Besenstiel hinausgleiten fühlte, und er rammte sich selbst hinein. Ganz nach vorne gebeugt, wurde der Junge mit fast gegen die Wand schlagendem Kopf ruckweise vor und zurück gestoßen, bis der Getränkeauslieferer ihn bei den Haaren fasste, mit aller Macht nach hinten zog und seine Riesenhand auf seinen Mund legte, so dass er nicht atmen konnte. Und er hatte Spaß daran, dem Jungen beim Ringen nach Luft zuzuhören. Er hielt ihn fest, bis er so ziemlich genug hatte. Als er ihn losließ, war der Junge ausgelaugt.
– Verdammtes Schwein!
– Ja, das versteh ich unter Spaß.
Und er ging noch einmal durch die ganze Prozedur. Als er fertig war, sank der Junge halbtot auf die Kisten.

– Komm schon, du musst mit dem Abladen anfangen.
– Keine Kraft mehr.
– Mach schon, du musst mit dem Abladen anfangen! Glaubst du etwa, alles ist nur Spaß und Spiele?
Er ging raus, zündete eine Zigarette an und wartete. Als der Junge auftauchte, freute er sich über die Blutstreifen auf der Rückseite der Weste.
– Ich geh mit dir aus am Sonntag. Etwa um eins hol ich dich ab, in Ordnung?
– Was?
– Ich geh mit dir aus am Sonntag.
– Wohin?
– Alles zu seiner Zeit. Wart auf mich an der Vordertür des Ladens, um eins. Nun mach schon mit dem Abladen. Ich hab’s eilig.

**

Sie sitzen nackt im Klo und rauchen heimlich. Michael nimmt Zug um Zug, bis er die Zigarette zu Ende geraucht hat und eine neue anzündet.
– Hab neulich was über dich gehört.
– Was denn?
– Weißt du, wie du immer davon anfängst, dass du nie deinen Alten kennengelernt hast?
– Alle haben sich geweigert, mit mir über ihn zu reden. Auch meine Oma.
– Und deine Mutter?
– Sie starb, als ich klein war. Also was hast du gehört?
– Hab gehört, dass deine Mutter anschaffen gegangen ist.
Michael zeigt ein gezwungenes Lächeln, wobei er eine Reihe von grünlichen Zähnen entblößt.
– Arschloch.
– He, ich erzähl dir bloß, was ich gehört hab. Das könnte der Grund sein, warum nie jemand über ihn redet. Sie wissen nicht mal, wer er ist, deswegen. Das sollte dich aber kalt lassen.
– Wer hat dir das erzählt?
– Mein Alter. Ich hab ihm von dir erzählt, wie dein Onkel von dem Kran auf den Trockendocks getötet wurde und er erzählte mir alles.
– Und du glaubst, er hat die Wahrheit gesagt?
– Wie zum Teufel soll ich das wissen? Ich sag dir das nur, weil ich seh, wie dich das immer beschäftigt. Nun, jetzt weißt du’s.
– Und wie weiß dein Vater das?
– Er hat doch auch auf den Trockendocks gearbeitet. Hastes vergessen?
– Da hat er also meinen Onkel gekannt?
– Ich nehm’s an. He, das sollte dich wirklich nicht stören. Was vorbei ist, und so weiter.
In der Stille danach fängt er an zu frieren und er beugt sich hinüber, um seine Kleider vom Boden aufzuheben und sich langsam anzuziehen.
– He, nimm’s nicht zu Herzen. Wünschte, ich hätt es dir nicht gesagt. Ich dachte nur, ich sag’s dir, da ich sah, wie sehr du wissen wolltest, wer dein Alter war. Immerhin, jetzt weißt du, dass es keinen Sinn hat, nach ihm zu fragen. Es hätte irgendeiner sein können!

Jetzt fangen die Tränen an zu fließen. Es hätte irgendeiner sein können! Und die Tränen fangen an zu fließen. Sie strömen sogar in einem Sturzbach die Backen herunter. Er fängt an sich zu erinnern. Wie seine Oma die große Schublade durchwühlt hatte, als Leute von der Lokalzeitung gekommen waren, um nach einem Foto von Onkel Willy für die Todesanzeige zu fragen. Wie später, als er die Schublade aufgezogen hatte, nicht ein einziges Foto darin war, nicht einmal von der Hochzeit seiner Mutter. Seine Mutter war eine Hure, deswegen. Was seinen Alten anging…nun,hätte irgendeiner sein können. Michael streckt seinen Arm aus, um seine Hand anzufassen, aber er verlässt einfach die Toiletten, und wendet sich direkt zur Haupteingangstür, wo die großen mit Vorhängeschloss versperrten Tore sind. Immer noch weinend, schüttelt er die Tore mit der ganzen Kraft, die er aufbringen kann, bis er aufgibt, die mit den Metallspitzen gekrönte Mauer hochklettert und darüberspringt. Rufe vom Rektor, der im Türeingang steht, erreichen sein Ohr, aber er geht weiter.

Später ist er auf der Polizeistation und sitzt dem Rektor gegenüber, der sich neben dem Sergeanten hinter einem grossen Tisch befindet.
– Was war los, mein Sohn?
Aber er sagt nichts. Stattdessen starrt er auf die Kappe des Sergeanten auf dem Tisch.
– Warum hast du all die Autos verkratzt? Hast du überhaupt eine Ahnung, was ein Auto kostet? Glaubst du, dein Vater möchte, dass jemand seine Autotür verkratzt? Nun? Antworte.
Der Rektor wirft dem Sergeanten einen bedeutungsvollen Blick zu.
– Was ist über dich gekommen heute, Zerafa? Hat dir jemand was getan? Warum hast du das gemacht?
– Wo wohnt der Junge, Herr Rektor?
– Er wohnt bei seiner Großmutter. Seine Eltern sind beide tot.
Der Sergeant denkt eine Weile darüber nach.
– Nun, weißt du, dass deine Oma jetzt für den ganzen Schaden aufkommen muss? Gottseidank bist du nicht von einem der Besitzer auf frischer Tat ertappt worden, er hätte dich gründlich verprügelt, da kannst du sicher gehen. Ich hätte es ihm noch nicht mal übel genommen. Warum hast du das gemacht? Das geht nun mal nicht.
– Zerafa, was ist los? Warum sagst du nichts, mein Sohn? Hat dir jemand was getan? Du wirst es erklären müssen oder sie werden dich einfach einsperren. Willst du eingesperrt werden, längere Zeit im Gefängnis sitzen?

Stille. Das nächste Mal werde ich nicht nur die Autos verkratzen, ich werde auch ihre Fenster einschmeißen, die Reifen zerschlagen, sie sogar anzünden.
– Herr Rektor, wir werden seine Großmutter anrufen müssen. Ich werde jedenfalls handeln müssen, da gibt es keinen Zweifel. Ich rufe sie an, ich muss einen Bericht schreiben. Ich denke Sie verstehen, wenn ich sage, dies ist ein Verbrechen.
– Sergeant, der Junge ist in Behandlung bei einem Psychologen, der davon in Kenntnis gesetzt werden muss. Das Amt muss informiert werden. Wir haben hier einen psychiatrischen Fall, wissen Sie, was ich meine?
– Gut, gut. Aber ich schulde den Autobesitzern eine Erklärung, nicht wahr? Ich meine, diese Leute werden auf Schadensersatz klagen und so weiter. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie zufällig ihr Auto geparkt haben, als ein Geisteskranker unterwegs war und Schaden angerichtet hat. Wie alt ist der Junge überhaupt?
– Vierzehn. Was ist heute los mit dir, Zerafa? Komm, du weißt, du kannst mit mir reden. Ich bin doch dein Freund, nicht wahr?

Aber der Junge ist immer noch still, er starrt auf die Kappe des Sergeanten. Sogar die Tränen haben aufgehört.
– Wir rufen seine Großmutter an, Herr Rektor. Dieser Junge stellt eine Bedrohung für die Öffentlichkeit dar. Ich werde meinen Bericht schreiben und dann liegt es an meinen Vorgesetzten, über weitere Schritte in seinem Fall zu entscheiden. Aber ich kann ihn nicht einfach laufen lassen.
– Was immer Sie sagen, Sergeant. Aber ich muss erstmal das Amt für Erziehung anrufen.
Der Psychiater – der Mann mit der Brille mit den dicken Gläsern – stattet ihm einen Besuch im Krankenhaus ab. Er streichelt seinen Kopf und erzählt ihm, sie würden ihn für eine Weile dort behalten, damit er sich ausruhen kann. Seine Oma bringt ihm Süßigkeiten, die er auf den Boden wirft, sobald sie gegangen ist. Und er schwört, dass er nie wieder in die Schule gehen und nie wieder ein einziges Wort mit Michael reden wird.

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Er schwelgt im Geräusch der überall herunterkrachenden, herumrollenden und von den parkenden Autos abprallenden Flaschen. Er lächelt. Der Sohn vom Boss kann sich ruhig beschweren, was sagen, laut werden. Er sollte gewusst haben, dass er mit mir nicht rummachen kann. Nun hat er den Schaden. Das hat nichts mit mir zu tun. Ich hab ihn gewarnt, dass die Ladeluke vom Laster lose ist und dass sie jederzeit runterfallen kann. Schade, dass keiner verletzt ist. Das hätte ihn noch wütender gemacht.

Er stieg ab vom Laster, sah sich um nach den auf der Straße verstreuten Glasscherben, den am Straßenrand liegen gebliebenen Flaschen, der Kühlerhaube eines Ford Montego, die vom Gewicht einer direkt darauf gelandeten Kiste eingedellt war. Er lächelt, als er den Besitzer am Rande eines Wutanfalls sieht. Nur schade, dass das Auto nicht dem Sohn vom Boss gehört. Ich hätte den Haken vor dem Losfahren nicht festmachen sollen.

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An dem Sonntag hatten er und Grezzju noch mehr Spass gehabt in der Gesellschaft des Jungen vom Supermarkt, der zwischen ihnen auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen hatte, während der Nachgeschmack des Biers auf der Zunge und der frische Geruch des Eintopfs noch überall war.
– Gott gönne den Seelen deiner Eltern Ruhe, Zerafa! Ich hatte niemals erwartet, dass es gestern so gut sein würde.
– He, lass meine Eltern aus dem Spiel, tu uns den Gefallen, ja?
– Tut mir leid, das war so’ne Redensart. Wollte dich nicht erinnern.
– Erinnern an was genau?
– Ach nichts, mach dir nichts draus.
– Was soll das, mach dir nichts draus. Was hast du damit sagen wollen?
– Nichts, ehrlich. Lass man, Freund.
– Ich bin nicht dein Freund! Ich will wissen, was du damit gemeint hast.
– Im Ernst, vergiss es einfach. Ich hatte keine Ahnung, dass das noch ein wunder Punkt ist.
– Was ist noch ein wunder Punkt?
– Vergiss es. Ehrlich, ich wollte nichts damit sagen, mein Freund.

Er ergreift Grezzju am Hemdkragen und zieht ihn nach vorn. Grezzjus Augen sind weit aufgerissen vor Angst, insbesondere als er sich von seinem Freund gegen den Laster gedrückt fühlt.
– Noch mal, was hast du gemeint?
– Nichts Mensch, sag ich doch. Was hab ich gesagt, das dich so aufgebracht hat?
– Du hast was über meine Eltern gesagt. Mach schon, spucks aus.

Ohne Grezzju Zeit zu geben, auch nur ein Wort zu sagen, spreizt er seine Finger über sein Gesicht und drückt zu, bis der andere Mann anfängt, seinen Kopf hin und herzurucken in dem Versuch, sich von diesem Schraubstockgriff zu befreien. In der Zwischenzeit haben sich einige zuschauende Männer versammelt, ihre Hände in den Hosentaschen.
– Was weißt du über sie?
Aber Grezzju kann nicht sprechen. Er ringt nach Luft, sein Gesicht ist knallrot, sein Mund unter der schmutzigen Hand zerquetscht und der Daumen drückt mächtig auf seine Nase.
– Wenn du nochmal irgendsowas sagst, werde ich deinen kleinen Jungen schänden, verstehste? Ich werde ihn vergewaltigen! Ich werde ihn im Arsch ficken!
Er drückt noch einmal auf sein Gesicht und lässt dann los. Grezzju rutscht herunter und völlig erschöpft, liegt er keuchend auf dem Boden. Einer nach dem anderen zünden die herumstehenden Männer ihre Zigartetten an und stehen unbeweglich da.

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Banger liegt im Schatten einiger leerer Bierflaschen und hält noch eine weitere in der Hand. Sein aufgeknöpftes Hemd ist weit offen, seine Hose nicht zugemacht.
– He, du Wiesel. Was bringt dich her? Haben sie dich gehen lassen?
– Ich möchte dich sprechen.
– Du bist ein spinnerter Kerl, weißt du das? Hast deine Oma verrückt gemacht, kein Wunder, dass sie abgekratzt ist. Also wann bis du raus gekommen?
– Ich will nur eben mit dir sprechen, Banger.
– Was willste denn von mir?
– Ich will, dass du mir alles sagst, was du weißt. Über meine Mutter und meinen Vater.
– Scheisse, wie soll ich das wissen? Leck mich, das hat mir gerade noch gefehlt.
Aber Bangers Augen werden groß vor Angst, als das Sonnenlicht von der Schneide des Klappmessers glitzert und er wird weich.
– He, so geht das nicht zwischen Freunden. Komm rein und hol dir ein Bier.
– Vergiss das Bier, Banger. Ich will alles hören, bis in die letzte Einzelheit, sonst bekommst du einen Geschmack von der Klinge. Du weißt, dass ich das tun würde.
– Reg dich ab. Wieso glaubst du, ich weiß alles darüber?
– Du hast dich immer mit meinem Onkel rumgetrieben. Entweder erzählst du mir alles, was du weißt, oder du wirst es zu spüren bekommen.
– Wie soll ich mich denn daran noch erinnern, mein Sohn? Das ist so lange her, weißte. Nun, nach dem bisschen was ich weiss…nun…
– Spucks schon aus.
– Als dein Grossvater starb, blieb deine Mutter bei deiner Oma und die war nicht so ganz dabei, wenn du verstehst, was ich meine, also…
– Also was?
– Also hör mal, deine Mutter ist ziemlich rumgekommen. Du weisst, dass sie es für Geld getan hat. Klar? Aber frag mich nicht nach deinem Vater. Über den weiß ich gar nichts.
– Wer war er?
– Keine Ahnung. Ich sag doch, deine Mutter war ‘ne Hure, fertig. Mehr weiß ich nicht.
– Wette, du hast auch manchmal was mit ihr gehabt, stimmst?
– Überhaupt nicht!
– Wers glaubt.
Banger schaut gebannt auf das scharfe Taschenmesser in seiner Hand.
– Warum fragst du nicht Gander? Der weiß vielleicht Bescheid.
– ‘Türlich weiß er. Gander hat mir sogar erzählt, dass du ihr Zuhälter warst und sie genau hier hast arbeiten lassen.
– Was? Ist der Scheißkerl verrückt? Hör mal Freund, vergisses, verstehste? Ich hab noch ein paar Tage vor mir, die will ich in Ruhe genießen.
– Du hast Kunden für sie angeschafft, Banger. Was dir das Recht zu einer gelegentlichen Gratisstunde gab, stimmt das nicht?
– Hör mal, Freund. Ich erzähl dir mal was, weil du drauf bestehst. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre deine Mutter komplett Pleite gewesen. Es wäre sogar noch schlimmer gekommen, als irgendein Kerl sie geschwängert hatte und du unterwegs warst. Und das nennst du Dankbarkeit! Dein Onkel war ein Taugenichts, hat jedes Pfund, was er jemals auf den Trockendocks verdient hat, gleich am nächsten Tag ausgegeben. Also du kannst mich ruhig mit diesem Messer aufschlitzen. Aber Tatsache ist, dass ich die einzige Art war, wie deine Mutter jemals ‘n bisschen Bargeld verdienen konnte. Ich war sogar derjenige, der sie vom Dach getragen hat, als man sie tot auffand, dein Onkel konnte das auch nicht. Nun verpiss dich. Ich hab dir alles erzählt, was ich weiß.

Da hatte Michael also recht. Die Hündin war wirklich eine Hure gewesen. Wusste nicht mal, wer sie geschwängert hatte. Und jeder sonst wusste es, nur ich nicht. Ich bin der einzige, dem man es nie gesagt hat. Sie hat’s mit jedem getrieben, weiß der Himmel, wer mein Vater ist. Könnte Gander gewesen sein, oder der dreckige Bastard hier. Wer weiß?

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Die Leiche eines Mannes aus Marsa wurde heute an seinem Wohnort gefunden. Der Mann starb offensichtlich, nachdem er einundzwanzig Mal mit einem scharfen Gegenstand gestochen worden war. Bisher sind noch keine Verdächtigen genannt worden. Vorläufigen Berichten zufolge war massiver Blutverlust die Todesursache. Die Polizei wurde auf das Verbrechen aufmerksam gemacht durch einen anonymen Anrufer, der behauptete, er habe jemanden eilig die Wohnung des Opfers verlassen sehen. Polizisten aus Marsa eilten sofort zum Tatort, wo das Opfer in einer Blutlache auf dem Boden des Schlafzimmers gefunden wurde. Das Opfer wurde von Dr. Carmel Abela von dem Paola-Gesundheitszentrum offiziell für tot erklärt. Der Magistratsbeamte Anthony Camilleri leitete eine Untersuchung ein und sicherte die Hilfe verschiedener Experten. Er ordnete eine Obduktion der Leiche an. Spätere Berichte bestätigten, dass die Polizei eine Person festgehalten hat, um bei ihren Untersuchungen zu helfen.

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Der Oberste Gerichtshof unter dem Vorsitz des Magistratsbeamten Salvino Degabriele erklärt den Fall von Grazio Scicluna für eröffnet. Er wird aufgrund von Anschuldigungen des Polizeikommissars Frans Grima des Mordes an Joseph Zerafa am Mittwoch, den 11. Mai 1994 um etwa 11:15 in der Wohnung des Opfers in Marsa angeklagt. Die Anklage behauptet, dass Sciucluna den Mord beging, indem er dem Opfer einundzwanzig Stiche mit einem spitzen Gegenstand beibrachte. Er steht ebenfalls unter Anklage, im Besitz einer Waffe ohne erforderliche polizeiliche Zulassung zu sein.

From the photo story "Ballast" by Jean-Pierre Vallorani

From the photo story "Ballast" by Jean-Pierre Vallorani