Transcript 2001 - 2014

Identitäten im Fluss – Gedanken zum Thema „Identität“

Von Fatma Kandil
Originalsprache: Arabisch
Übersetzung ins Deutsche von Leila Chammaa
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
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Ein notwendiges Vorwort

Vor etwas mehr als zwei Monaten erhielt ich eine Einladung zu einer Lesereihe in Belgien. Thema der Veranstaltungen sei, so informierten die Organisatoren, „Das Liebesgedicht“. Darauf folgte die Erläuterung, dass die Lesungen darauf abzielten, „die in Belgien existierenden Klischees von der arabischen Lyrik aufzubrechen“. Zur Beteuerung der Absicht sei ich als „arabische Dichterin, die von dem Klischee abweicht“ eingeladen.

Ich packte ein paar erotische Gedichte ein und ein paar lyrische Texte, die nicht in die Kategorie „Liebesgedicht“ gehören, denn sie handelten nicht von gegenseitigen Liebesbekundungen zwischen einem Mann und einer Frau, sondern sie gingen weit darüber hinaus. Sie thematisierten die Beziehung des Dichters zum Leben im Allgemeinen. Die Entscheidung, welches der beiden Genres geeigneter ist für das belgischen Publikum, dem ich zum ersten Mal begegnen sollte, überließ ich den Veranstaltern und der Übersetzerin. Die Wahl fiel, genau wie ich erwartet hatte, auf die erotischen Gedichte. Ich hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden. Schließlich sind sie aus meiner Feder geflossen, folglich konnte ich mich nicht einfach von ihnen abwenden.

Von dem Publikum, das sich aus Arabern und Belgiern zusammensetzte, erntete ich sehr unterschiedliche Reaktionen. Einige der Anwesenden (vor allem Frauen) beanstandeten, dass die Texte nicht zur arabischen Lyrik passten. Andere (auch Frauen) lobten meinen Mut. Denn ich eroberte, so die Begründung, Bereiche, die in der arabischen Kultur „tabuisiert“ seien (darauf gehe ich später noch ein). Manche Belgier waren sichtlich überrascht. So erkundigte sich eine Frau aus dem Publikum, welcher „Epoche“ die Gedichte entstammten. Als sie vernahm, dass ich die Dichterin bin, war sie restlos erstaunt. Darüber, dass eine arabische Frau solche Gedichte schrieb, dass diese Dichterin außerdem modern gekleidet dastand und ihre Blätter hielt, ohne dass ihr die Hände zitterten vor einem „zivilisierten“ arabischen Publikum, das hin und wieder wohlwollend applaudierte.

Die Lesungen waren offenbar ein Erfolg. Die anwesenden Belgier haben, glaube ich, ihr Bild von der arabischen Dichtung etwas revidiert! Was aber die anwesenden Araber anbelangt, so trafen wir miteinander ein stillschweigendes Übereinkommen über ein Geheimnis, das wir beide kannten: Dass ich zwar den Mut aufbringe, solche Gedichte zu schreiben, aber nicht den Mut, sie vor einem arabischen Publikum in der arabischen Welt vorzutragen. Dass das stereotype arabische Publikum sich mittlerweile verändert hat und ich nun im Zugzwang bin, Mut aufzubringen. Den Mut, die Kluft zu überbrücken zwischen dem, was ich zu schreiben, aber nicht vorzutragen wage vor einem bestimmten Publikum. Einem Publikum, das sich auf die „Identität“ beruft, auf die auch ich mich berufe bzw. gezwungenermaßen berufe. Ich muss den Mut aufbringen, die Kluft zu überbrücken zwischen der konstanten, in sich geschlossenen Identität und den Identitäten, aus denen sich mein schreibendes Ich zusammensetzt – unabhängig vom Ort – und die mir, wie ich spürte, zu unverfälschtem Erfolg verhalfen. Kann ich diese Kluft überbrücken? Die Kluft zwischen einer Identität und vielen Identitäten? Oder ist die Frage an sich schon falsch? Gibt es eine Identität, die über mehrere Dimensionen und spezifische Erkennungsmerkmale verfügt? Und sind verschlossene, rückwärtsgewandte Gefüge überhaupt als Identität zu bezeichnen?

Zu den Fragen

Hätte ich mir vor einigen Jahren die Identitätsfrage gestellt, so hätte ich spontan geantwortet: „Es gibt keine konstante Identität, Identität ist im ständigen Werdeprozess.“ Das haben wir so gelernt. Aber wir haben uns keine Gedanken gemacht, was genau sich entwickelt. Das Wesen. Die Sichtweise. Die Gangrichtung, sprich, die Tendenz auszuscheren oder sich an geschlossene Systeme zu halten. Und wie sich dieser Konflikt auswirkt. Die pauschale Antwort, die viele – inklusive mir selbst – lange Zeit im Munde führten, unterscheidet sich hinsichtlich ihrer Denkstruktur meiner Ansicht nach nicht wesentlich von dem Ansatz der, wie ich sie nenne, „Konservativen“. Diese nehmen eine Reduktion der Identität vor, reduzieren sie auf eine islamische, arabische oder ägyptische etc. In diesem Sinne bewegte sich meine Antwort auf die Identitätsfrage in dem Rahmen, in dem mein Schreiben vonstattengeht. Demnach – wie oben erwähnt – im Marginalen, Verschwiegenen, Unterdrückten – also dem aus der arabischen Kulturgeschichte Verdrängten. Zu nennen sind hier: Die reizvolle Erotik in dem Vers von Imruʾ al-Qais [1] „als er neben ihr zu weinen begann, wandte sie sich ihm zu, doch unverändert blieb ihr Spalt unter mir“. Die Weingedichte des Abu Nuwâs [2]. Die Eskapaden des al-Ma´arri [3]. Aber auch die erotischen Texte der religiösen Institution, wie das Buch des Scheich an-Nafzâwi „Der duftende Garten“ [4], in dem der weibliche Körper als ein gummiartiges Lustobjekt des Mannes betrachtet wird. Die Festigung der Identität vollzieht sich offenbar über die Dekonstruktion von innen heraus – ich spreche hier ausschließlich von mir selbst – durch den Zusammenprall aller Körperteile und durch einen strategischen Kunstgriff, den ich der Vorstellung vom „ständigen Werdeprozess“ entnahm. Durch Offenheit anderen Kulturen gegenüber in unserer heutigen, auf ein Dorf zusammengeschrumpften Welt. Vor allem aber durch die Brillanz Derrida`scher Dekonstruktion. Durch Vertagen der Suche nach dem Sinn, bis die alte Welt einstürzt samt allen eindimensionalen Identitäten, die man so gerne beibehalten will, und der tote Kopf fällt, nachdem der stützende Stab von Ameisen gefressen wurde.

Auf diese Form des ständigen Werdeprozesses berufe ich mich im Schreiben. Mit ihr als Grundlage trete ich gegen die Identitäten an, die der Vergangenheit entspringen. Die „konstanten Identitäten“ also, denen im Namen von Religion, alter Zivilisation und Tradition untersagt ist, die wesentliche Frage zu stellen. Sind diese als „Identitäten“ zu definieren, oder sind es „Institutionen“? Was genau ist der Unterschied zwischen „Identität“ und „Institution“? Und ist die Vermischung beider Begriffe beabsichtigt?

Was habe ich in Bezug auf den „ständigen Werdeprozess“ getan? Lediglich in die Vergangenheit habe ich geblickt, auf alte Konflikte, sie in Wallung gehalten, ja sogar noch mit der Glut anderer Kulturen angefacht, sobald das Feuer zu erlöschen drohte.

Das ist, was ich mit der Frage bezüglich des „ständiges Werdeprozesses“ meinte. Sie verbirgt sich in der Identitätsfrage selbst und in ihrer Beziehung zum Schreiben, genauer gesagt, in der Paradoxie, die ihrem Verhältnis zum Schreiben innewohnt, sobald der Schriftsteller an den Kreuzweg ideologischer Konflikte gelangt und sich derart hinein verstrickt, dass er etwas Wesentliches vergisst. Vergisst, was Schreiben für ihn bedeutet. Nämlich Ideologien zu zerpflücken. Und während er mit einer Legende, mit der „Zerpflückung des Orpheus“ befasst ist, merkt er nicht, dass die in immerwährendem Kampf befindlichen Ideologien, ihm einen Strick um den Hals gelegt haben.

Leider gibt es keine Identität ohne Gedächtnis. Keine Identität, wenn man nicht mitten in der Welt steht, sich einlässt, umherstreift, schaut, Zeuge wird. Leider. Aus diesem Grund ist die Identitätsfrage nicht essentiell an das Schreiben geknüpft. Denn die Fragen des Schreibens sind universeller Natur. Schreiben, wie ich es verstehe, stellt sich wie folgt dar: Aufzeichnen. Löschen. Absolutes Vergessen. Geister, die aus Geistern geboren werden. In diesem Sinne gilt das Sprichwort „Vertiefung ins Lokale führt zur Internationalität“ heute nicht mehr. Das glaube ich heute. Doch ich schrecke nicht davor zurück, meine Überzeugungen zu revidieren.


[1] Vorislamischer arabischer Dichter des 6. Jahrhunderts.

[2] Klassischer Dichter (ca. 775-813), geboren in Ahwaz/Iran, bekannt für Wein-, Jagd- und Liebesgedichte.

[3] Arabischer Dichter, 973-1057.

[4] Ehehandbuch aus dem 15. Jahrhundert.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.