Transcript 2001 - 2014

Denis Donikian – Auch ich war in Armenien

Von Denis Donikian
Originalsprache: Französisch
Übersetzung ins Deutsche von Christa J. Nitsch
Thema: Armenien
Standard-text | Formatierten text

Auch ich war in Armenien – Wanderung durch das Hochland von Syunik

Nie werde ich den Tag vergessen […], an dem wir Armenien das erste Mal betreten haben… […]. Ein niemals zuvor gesehenes neues Land und doch, kaum hatten wir es erblickt, hatten wir das Gefühl, dass sich in uns ein Licht entzündet. All dies Unbekannte schien so vertraut, so friedlich, so anziehend. Wie soll ich es ausdrücken? Ich finde nicht die richtigen Worte… Die Fotos, die ich im Bibliothekszimmer meines Vaters gesehen hatte, wurden auf einmal Wirklichkeit, die Sonne schien über ihnen, sie wurden lebendig, verdichteten sich, wurden zu einer Welt voller Licht, in dem die Dinge zugleich einen verborgenen Sinn bewahrten. Und da verstand ich plötzlich. […] Und ich wurde verändert, ich wurde ein anderer. Das, was mir früher so entlegen schien, so hoch, so unbestimmt, ist plötzlich leuchtend klar geworden und mit dieser Erde, diesen Bergen, diesen Bauwerken schenkte es mir das Leben in seiner Fülle. Hier also begann das wahre Sein […].
KOSTAN ZARIAN DAS SCHIFF AUF DEM BERG (II,7)

Armenien_Donikian

OUVERTURE | IDYLLISCHES DILIDSCHAN

Um den bukolischen Charakter von Dilidschan besser zu begreifen, ist es ratsam, bis zum Balkon der erblühten Hügel hinaufzusteigen. Sie erheben sich über den alten Eisenbahnschienen und entlang der Nationalstraße, welche den Marz von Tavusch als Lebensader durchzieht. Ihr seid durch dunkles, feuchtes Unterholz gedrungen, habt steile Hänge erklommen und plötzlich stoßt ihr unter offenem Himmel auf eine grüne Talmulde, wo tausende von Insekten summen. Verrückt sind sie von den wilden Düften unter dem Lichtregen, der in Strömen herabfällt. Und da, im Schatten einer jungen Eiche, verleitet von der ursprünglichen Unschuld, die dieser Ort einflößt, streift ihr unwillkürlich die wertlosen Flitter einer mechanistischen Zivilisation ab. […]

Von eurer Aussichtswarte schimmert Dilidschan in allen Facetten der idealen Stadt. Und wahrlich, allein schon bei der Nennung dieses Namens verleihen ihm die Armenier Duft und Geschmack eines locus amoenus. In sowjetischer Zeit war Dilidschan für die heilkräftige Reinheit seiner Luft weithin bekannt. Die zahlreichen Sanatorien erlaubten es den Menschen, wieder auf die Beine zu kommen. Von der Tuberkulose zu genesen. Oder man ruhte hier einfach aus, und die Harmonien des grünen Farbenspiels halfen der Seele, ihren Frieden zu finden.
Verschwenderisch bewaldet, doch kahl auf den Gipfeln öffnen sich freigebige Hügel auf das Zwischenreich, in dem sich Dilidschan ausbreitet. Die Stadt hat sich der ersten Hänge, von den sanftesten bis zu den steilsten, bemächtigt. Ihr Zentrum ist auf einem Plateau errichtet. Die Verwaltungsgebäude, die Geschäfte, eine Schule säumen eine breite Prachtstraße und einen freien Platz. Ihr könnt euch nun dank Dilidschan all jene armenischen Dörfer Anatoliens vorstellen, deren Häuser einst in Stufen die Hügelflanken hinaufklommen und hier und dort das grüne Aufschäumen einer üppigen Vegetation punktierten, während in der Tiefe ein tosender Fluss rauschte. Der Armenier liebt es nämlich, sein Haus mit Bäumen zu umgeben. Er ist glücklich, wenn ihm seine Fenster einen Ausblick in die Weiten des Landes gewähren. Dann kann er sich an der Sonne ergötzen oder vermag den anrückenden Feind zu erspähen. Er ist ein kontemplativer Erdenbürger, den selbst eine Stadt wie Jerewan nicht einschüchtert. Wer es fertig bringt, errichtet sein Haus gegenüber dem Ararat. Der Mieter in den Plattenbauten aber – und müsste er auch seinen Hals verrenken, um aus einer schlecht ausgerichteten Dachluke den Horizont mit den Augen abzutasten – erfreut sich selbst an einem Splitter des Berges. […]

Aber von dort oben, von der Höhe eures Hügels, verschwimmen die Konturen und die Entfernung erlaubt es dem bloßen Auge nicht, dem unersättlichen Spiel des Wasserstrahls zuzuschauen, das in der Fontäne auf dem Hauptplatz die launischen Sprünge einer Tänzerin nachahmt. Und es wird auch die grell herausgeputzte junge Mutter nicht bemerken, die im Internetcafé des Stadtzentrums jeden Tag von 10 bis 18 Uhr die Langeweile verwaltet; und nicht die lange müde Straße, müde von den Übergriffen der Gewitter, zwischen dem Sanatorium und derselben Stadtmitte, auf der die Bewohner des alten Viertels auf- und abtrippeln; nicht die Taxis in Erwartung eines Gott allein bekannten Heilbringers; nicht den jungen Mann mit seiner Mutter, die wie zwei Metronome im Gleichschritt – sie, feist und gedrungen, im Pullover mit waagrechten Streifen, er, lang und steif, im Pullover mit senkrechten Streifen – jeden Morgen ihre Einkäufe besorgen; auch nicht die träge Verkäuferin in der Einkaufshalle, deren Verdrossenheit euch jedes Mal, wenn ihr Khatschapuri bestellt, ein Frösteln über den Rücken jagt; nicht die unpoetische Frau an der Theke, die ihr Klopapier verkauft, grau und rau wie zu Sowjetzeiten, und der nichts auf der Welt ein erotisches Lächeln auf die Lippen zu zaubern vermag; nicht die Arbeiter, die vor dem Schulgebäude aschgraue Steinblöcke behauen, schleifen und in Reih und Glied aufstellen; nicht die schöne von Pinien gesäumte Allee, die provenzalische Erinnerungen weckt und zur baufälligen Fabrik führt, wo man einst Radios herstellte; nicht die zwei Marktweiber, die  –  nudeldick die eine, bohnenstang‘ die andre – Seite an Seite ähnliche Früchte, gleiches Gemüse anpreisen; nicht den Steinmetz, der mit einem bösen Grinsen seinem roten Tufflöwen den letzten Schliff unter freiem Himmel verpasst; nicht Vilik, den Taxichauffeur mit den übergroßen Händen und der dumpfen Stimme, der im Hinterhalt der unteren Stadt geduldig auf Kunden lauert; nicht die Mauer, die – von dem Gewitter des Vortags noch wacklig – Steine auf die Straße geworfen hat; nicht das Ehepaar, Eigentümer eines großen Anwesens, die nur darauf bedacht sind, möglichst bald zu den Kindern in Minsk zu ziehen, weil sie dort in einem Fischgeschäft arbeiten; nicht die zwei alten Jungfern, die einen Lebensmittelladen betreiben und euch mit ihren inquisitorischen Fragen wie gute Polizistengattinnen zu Leibe rücken; nicht jenen betagten Mann und nicht jene junge Frau, die an seiner Seite durch die Gassen schlendert: Fremde sind sie, die tausendfältiges Getuschel wecken und zotige Anspielungen, denn ihr Blick, manchmal abwesend, manchmal strahlend, gibt keinerlei Antwort – und wer könnte schon sagen, ob sie Freunde sind, Vater und Tochter oder Liebende…

Juni 2008, Niederschrift: Januar 2010

MAGNIFIKAT | VON SISSIAN NACH TATEV

SISSIAN

Die Stimmung der allgemeinen Auflösung, die auf den breiten Boulevards herrscht, zeigt, dass Sissian noch seiner Zukunft harrt. Abseits der Hauptverkehrsader gelegen, die Jerewan mit Goris verbindet, durchflossen von einem Vorotan, den Wasserpflanzen vergiften, hat die Stadt aus einem regelrechten Stadtbauplan dennoch so manchen Vorteil ziehen können. Ihn aber scheint die Unabhängigkeit des Landes zerschlissen zu haben. An der Baufälligkeit der Gebäude, welche das Stadtzentrum wie ein Schmuckkästchen hätten einfassen sollen, kann man den Niedergang des gesellschaftlichen Lebens ablesen. Von den Bauanlagen, die dazu bestimmt waren, die Stadt zu verschönern, bleiben, vernachlässigt, nur Bruchstücke übrig: geschlossene Geschäfte, ein ausgetrockneter Fischweiher, wacklige Straßensteine, wucherndes Gras… Die Büste von Garegin Nschdeh, aus grauem Granit gemeißelt, steht inmitten angekränkelter Rosensträucher… Dies ist Sissian: eine sieche Stadt, die sich erst dank ihrer touristisch vorteilhaften Lage als unumgängliches Tor zum Syunik zaghaft zu regen beginnt.

Sissian in meiner Erinnerung – das ist eine Kirche, welche die Stadt beherrscht. Die Kirche Surb Hovhannes, auch Kirche von Sissavan genannt, zieht alle Blicke empor und überträgt ihre himmelwärts strebenden Kraftlinien auf die umgebende Landschaft. Sie scheint ihre Architekten der Schwesterkirche Surb Hripsime in Edschmiatsin geliehen zu haben. Ein weißhaariger alter Mann verkauft hier Kerzen und Bücher. Er wird euch die Geschichte des Ortes bis in die kleinsten Einzelheiten erläutern. Der Innenraum ist schwarz vom Ruß der Jahrhunderte. Wenn er aber in den Lobgesang Gottes einstimmt, ist die Erhebung der Seele gewiss.

© Alle Rechte beim Hay Media Verlag, Frankfurt am Main (Homepage)