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Die sogenannte offizielle Identität, die der Staat vorgibt und allen gesellschaftlichen Gruppen aufzudrücken versucht, ist nicht nur paradox, sondern hat auch feindseligen Charakter. Sie drängt die Volksidentität, also die Identität, der sich die überwiegende Mehrheit der Ägypter verbunden fühlt, ins Abseits. Die beiden Konzepte basieren auf zwei unterschiedlichen Grundlagen. Die offizielle Identität beruht auf einem „schriftsprachlichen“ Bewusstsein. Die Volksidentität dagegen erwächst aus einem „oralen“ Bewusstsein, das über die Epochen hinweg überliefert wurde, und somit das Weltbild und das Selbstverständnis der Menschen tief prägt und sich in allen Aspekten des Lebens, wie Sitten, Traditionen, Verhaltensweisen, Kleidung, Architektur etc. niederschlägt.

Mit dem Zusammenbruch des pharaonischen Reiches zog sich die ägyptische Gemeinschaft in sich selbst zurück, nachdem sie als integraler Bestandteil des Staatsgebildes eng mit dem System verbunden war. In Abgrenzung nach außen schützten die Menschen ihre Identität und ihr Bewusstsein vor den Fremdmächten, die nun ins Land kamen. Ptolemäer, Perser, Römer und schließlich die Araber. Der Rückzug der Ägypter ging jedoch nicht so weit, dass sie sich völlig abkapselten. Vielmehr standen sie immer im Austausch mit den neu hinzugekommenen Kulturen, insbesondere mit dem Christentum und später dem Islam. Auch wenn die Menschen gezwungenermaßen eine neue Religion annahmen, die völlig anderen Prinzipien folgte als der altägyptische Glaube, so bewahrten sie sich dennoch ihre essentiellen Werte. Die Gemeinschaft rettete im Rahmen dessen, was ihr möglich und erlaubt war, ihre Weltanschauung und Lebensphilosophie in die neuen Zeiten hinüber. Ein Beispiel: Jede Region bzw. Provinz hatte ihre lokale Gottheit, der zu Ehren man jährlich ein Fest feierte und Opfer darbrachte. Und diese Götter wurden in der christlichen Epoche in Heilige und mit der Verbreitung des Islams in Schutzpatrone umgemünzt.

Erst die Entstehung des modernen ägyptischen Staates in der Ära von Muhammad Ali [1] und die Wendung hin zum Nationalstaat brachten einen gewaltigen Umbruch mit sich. Entscheidend dafür war der Ausbau eines Bildungssystems moderner/westlicher Ausprägung auf der Grundlage eines schriftsprachlichen Bewusstseins, das im Westen bereits im 16. Jahrhunderts mit der Erfindung des Buchdrucks seinen Anfang genommen hatte. Bildung war letztlich die treibende Kraft bei der Entstehung des Konzepts von der offiziellen Identität, die auf dem Selbstverständnis der Obrigkeit fußte. Aber auch auf dem der neu entstandenen Mittelschicht. Denn diese war von den Machthabern begünstigt, zumal sie die gesellschaftliche Gruppe darstellte, die Einzug in sämtliche, vom Staat neu gegründeten Institutionen und Sektoren hielt. Dahingegen zog sich die Volksidentität ein weiteres Mal zurück. Ein Zustand, der bis heute anhält und dessen Auswirkungen wir jüngst in Form unterschiedlichster Praktiken und massiver Zerwürfnisse erleben konnten.

Literaten entstammen meist der Mittelschicht. Das heißt jedoch nicht, dass das „gemeine Volk“ keine Schriftsteller, Dichter und Künstler hervorbringt. Auch in dieser Schicht hat es immer Kulturschaffende gegeben, die innerhalb ihres Umfeldes eine kreative Rolle einnehmen. Doch wird ihre Kunst vom offiziellen Bewusstsein und von der Mittelschicht als „Folklore“ klassifiziert, und ihr wird weniger Wert und Bedeutung beigemessen als der „offiziellen“ Kunst. Mit „offizieller Kunst“ sind gemeinhin schriftsprachliche Kunstformen und davon abgeleitete Künste gemeint: der Roman, die Poesie, Musik, die bildende Kunst. Diese werden vom schriftsprachlichen/bürgerlichen Bewusstsein als edle, erhabene Kunstformen angesehen und nehmen einen höheren Rang ein als die „primitive“ Kunst der volksnahen Bevölkerungsschichten. Hierin offenbart sich das Dilemma des Literaten: Auf der einen Seite steht da das allgemeine Bewusstsein – also das Bewusstsein der einfachen Leute, die etwa 80% der ägyptischen Bevölkerung ausmachen. Auf der anderen Seite sind da das Bewusstsein, das er als Literat durch Bildung und schriftsprachliche/westliche Werte erworben hat, und das Wissen, dass Kunstformen wie Theater, Roman, Kino, bildende Kunst etc. aus der Transformation hervorgegangen sind. Dieses Spannungsverhältnis stürzt den Schriftsteller in folgenden Konflikt: Entweder er schreibt authentisch über die volksnahen Gruppen und ihren moralischen und weltanschaulichen Überbau, oder er macht sich die Werte zu eigen, auf denen sich die Mittelschicht gründet, wissend, dass sie – also die Mittelschicht – das Medium und Forum ist, das seine Kunst erreichen muss, um offizielle Anerkennung und Wertschätzung von ihr zu erlangen. In diesem Kontext ist dringend geboten, dass wir unseren Standpunkt in Bezug auf die umgangssprachliche Dichtung überdenken, dass wir überprüfen, welche Haltung die offizielle Institution dieser Kunstform gegenüber an den Tag legt und wie viele Dichter dieses Genres in der Lyrik-Kommission vertreten sind. Festzuhalten ist außerdem, dass Schriftsteller, die sich in das Bewusstsein volksnaher Gruppen einlassen und darüber schreiben, als Literaten disqualifiziert werden mit dem Argument, dass sie Folklore produzieren.

Vielleicht hat Taha Husain [2] mit seiner Ansicht über die Zukunft der Kultur, die er an die Nahda [3] und den Fortschritt geknüpft sah, das Bewusstsein aller Gesellschaftsschichten auf das schriftsprachliche/westliche Bewusstsein gelenkt. Denn er forderte, dass Bildung wie auch Wasser und Luft allen zur Verfügung stehen sollte. Diese Ansicht lässt jedoch gewisse Aspekte außer Acht. Denn andere Länder, beispielsweise China und Japan, die ähnlich wie Ägypten auf eine alte Hochkultur zurückblicken, haben an dem eigenen Wertesystem und ihrem Bewusstsein im Prozess des Wandels und Übergangs in die Moderne festgehalten. Nicht, weil die vom Westen vorgegebenen Bedingungen es erlaubten, sondern weil diese Völker ihre eigenen Bedingungen aufstellten. Dieses ausgeprägte Selbstbewusstsein spiegelt sich in der kraftvollen und ausdrucksstarken Kunst wider, die aus diesen Ländern hervorgeht.

Nagib Mahfuz [4] machte einst einen Spaziergang durch die Kairoer Altstadt, um das Leben der Menschen dort zu erkunden und sich sprachlich und literarisch inspirieren zu lassen. Das Ergebnis jedoch war Ratlosigkeit. Wie umgehen mit der Diglossie? Diesem Elend mit der Hochsprache und der Umgangssprache, unter dem alle Ägypter leiden. Mahfuz revidierte darauf seine Trilogie, und wieder stellte sich die gleiche Frage: Welchen Ausweg gibt es aus diesem Dilemma? Auch Tawfiq al-Hakim [5] hat in seinem Roman „Die Rückkehr der Seele“ einen Lösungsweg unterbreitet. Doch diese Bemühungen sind nicht ins allgemeine Bewusstsein eingegangen. Vorschläge solcher Art finden keine Rezipienten in einer Gesellschaft, die unter Analphabetismus leidet, bei einem Verhältnis von vier zu fünf. Analphabetismus meint hier jedoch nicht die Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben. Nein, der Begriff geht weit darüber hinaus und bezeichnet ein äußerst gefährliches Phänomen. Der Analphabetismus, der unter den Gebildeten herrscht. Ich meine, die Unfähigkeit zum Dialog und zur lebendigen, freien Diskussion. Ich meine, den Analphabetismus eines von Repetition, Stagnation und Ignoranz beherrschten Geistes.


[1] 1769-1849. Gründung der Dynastie 1805.

[2] Bedeutender ägyptischer Schriftsteller, 1889-1973.

[3] Die sog. arabische Renaissance, eine Bewegung in der arabischen Welt (2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein), die Islam und Moderne miteinander zu verbinden suchte.

[4] Ägyptischer Autor, Nobelpreisträger, 1911-2006.

[5] Ägyptischer Schriftsteller, 1989-1987.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.

Panel discussion © LCB

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