Transcript 2001 - 2014

Identitäten im Fluss – Nachdem Nora die Tür zuschlug

Von Sahar El Mougy
Originalsprache: Arabisch
Übersetzung ins Deutsche von Leila Chammaa
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
Standard-text | Formatierten text

WhiteSeaLogo

Als ich auf die Welt kam, vermerkte man in meiner Geburtsurkunde, dass ich Ägypterin und Muslimin bin. Jahre später entdeckte ich, dass ich mittlerweile über eine Identität von mehr Belang verfügte. Eine Identität, die gehaltvollere Aussagen über meine Person trifft. Als Feministin kann ich kurz und bündig behaupten, dass die Sache, der ich mich mental und praktisch verschrieben habe, essentielle Bedeutung für mich hat. Denn sie verleiht mir Sinn. Blicke ich zurück auf die Entwicklung, die meine Identität im Laufe der letzten zwanzig Jahre vollzogen hat, so fällt mir spontan eine Situation ein. Der Moment, in dem ich erkannte, dass ich Nora im Puppenheim war. Obwohl er Henrik Ibsen nie gelesen hatte und das Stück nicht kannte, reagierte er haargenau wie Helmer. Die gleichen Argumente, die gleiche Empörung, das gleiche Unverständnis, die gleiche Verachtung:

Helmer: Deine Häuslichkeit, Deinen Mann und Deine Kinder zu verlassen! Bedenke: was werden die Leute sagen!

Nora:   Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich weiß nur, daß es für mich notwendig ist.

Helmer: O, das ist empörend. So entziehst Du Dich Deinen heiligsten Pflichten?

Nora:   Was verstehst Du unter meinen heiligsten Pflichten?

Helmer: Das muß ich Dir erst sagen! Sind es nicht die Pflichten gegen Deinen Mann und gegen Deine Kinder?

Nora:   Ich habe andere Pflichten, die ebenso heilig sind.

Helmer: Das hast Du nicht. Was für Pflichten könnten das wohl sein!

Nora:   Die Pflichten gegen mich selbst.

Helmer: In erster Linie bist Du Gattin und Mutter.

Nora:   Das glaube ich nicht mehr. Ich glaube, daß ich vor allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du, – oder vielmehr, ich will versuchen, es zu werden.[1]

Die Tatsache, dass ich einer bürgerlichen Familie entstamme, die liberale Ansichten vertritt und keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen macht, war kein Garant dafür, dass ich als „Mensch“ gelte, also als eine Person, die dem Mann ebenbürtig ist. Im Gegenteil, ich erkannte im Nachhinein, dass das familiäre Umfeld, das Gerechtigkeit und Freiheit propagierte, ein hauchdünner Kokon war, der bei der leisteten Reibung mit der Außenwelt zerriss. Nach über zehn Jahren im Puppenheim war aus dem „verschreckten Vögelchen“, dem netten, stillen Mädchen, das es allen recht machen wollte, eine Frau geworden, die argumentiert, hinterfragt, schreibt. Da lag es auf der Hand, dass es zwischen ihm und mir zu einem Crescendo blutiger Auseinandersetzungen kommen würden. Plötzlich begriff ich die Dimension des Konflikts. Ich begriff, dass wir nicht lediglich zwei Menschen waren, die unterschiedliche Standpunkte vertraten. Nein, ich stand allein da. Er dagegen, übermächtig und selbstsicher, brauchte sich keine Sorgen zu machen. Denn er hatte die gesamte Gesellschaft hinter sich. Ich war die Einzelgängerin, die beschlossen hatte, aus der Herde auszuscheren. Er war die kollektive Stimme, die sich lautstark über meine Gedanken und Bedürfnisse empörte. Eine Stimme, die das Recht hatte, über mich zu urteilen, mich als „anormal“ und „radikal“ abzutun, mich als „eine“ zu disqualifizieren, „die ihre heiligsten Pflichten nicht respektiert“

Ich schlug die Tür zu. Zog hinaus in die Welt und erlebte genau das, was auch Nora erlebte, nachdem sie auf der Suche nach Antworten fortgegangen war.

Auf der Reise hinaus bot mir das Schreiben Halt und half mir zu verstehen. Ich schrieb, um die Welt um mich herum zu begreifen und die dunklen Ecken zu ergründen, die ich hinter mir gelassen hatte. Ich versuchte, in dem herrschenden gesellschaftlichen Gedankenwust, der in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts keinen großen Unterschied zu dem Ende des 19. Jahrhunderts aufwies, einen Sinn zu sehen. Nach vier Büchern, wurde mir klar, dass ich über Momente der Verwandlung im Leben von Frauen schreibe, über den Augenblick des ersten Bewusstwerdens, nach dem sich die Welt unwiderruflich verändert. Ich schreibe über die Bejahung der Freiheit und ihre Folgen. Während ich meine inneren Stärken auslotete, erkannte ich die Bedeutung meiner Vorreiterinnen in der Literatur – von Latifa Al-Zayyat bis Virginia Woolf. Außerdem entdeckte ich die alten ägyptischen Göttinnen für mich. Allerdings interessierte mich nicht die allgemein verbreitete Vorstellung von ihnen. Nein, ich folgte meiner eigenen Lesart. Isis beispielsweise, die heute für Treue und Ergebenheit steht, ist in Wirklichkeit eine starke, entschlossene Frau, die sich durchzusetzen und ihre Rechte einzufordern wusste. Und Hathor, die Göttin der Liebe, des Tanzes und der Musik, wurde völlig ignoriert – als hätte sie nicht existiert. Vielleicht, weil sie nicht auf ein simples, unverfängliches Symbol zu reduzieren ist und das Allgemeinwohl stören könnte. Meine Auseinandersetzung mit Isis, Hathor und Sachmet ging über die gängige Erklärung hinaus, dass sie Urbilder oder Archetypen seien, die das kollektive Unbewusste prägen. Im Schreiben sah ich das Elixier, das die Archetypen aus dem Schlaf wecken und ins Leben zurückholen würde. Das war meine feste Überzeugung. Denn sobald man sich bedingungslos auf ein Bild einlässt, werden sinnverwandte Kräfte im Bewusstsein angesprochen, Bewegung wird freigesetzt, und eine neue Sicht auf die Welt eröffnet sich.

1998 engagierte ich mich in dem Verein „Die Frau und das Gedächtnis“. Im Rahmen eines Projekts mit dem Titel „Die Erzählerin sprach“ wirkte ich zusammen mit anderen Frauen an einer Neubearbeitung einiger Märchen aus 1001 Nacht. Wir schrieben die Geschichten um – und zwar aus der weiblichen Perspektive. Denn uns alle störte die Tatsache, dass Frauen ausschließlich in klischeehafter Darstellung erscheinen: als schreckliche Hexe, durchtriebene Heuchlerin, schwaches, unterwürfiges Etwas oder als schöne Prinzessin in Erwartung des edlen Helden. Eine selbstbewusste, tatkräftige Frau kam nirgends vor. Wir demontierten die Geschichten, veränderten die Rollen, gaben den Frauen eine individuelle Stimme, brachen Stereotypen auf, ersetzten sie durch komplexere Figuren. Figuren mit kämpferischem Geist, die unsere Gegenwart und uns persönlich betrafen. Ursprünglich war geplant, die neuen Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen, doch dann fanden wir uns unverhofft auf der Theaterbühne wieder. Gesprochen kamen die Geschichten viel kraftvoller zur Geltung als auf dem Papier und brachten somit unsere Intention weitaus deutlicher zum Ausdruck.

2009 verabschiedete ich mich von dem Projekt und gründete eine Schreibgruppe mit dem Namen „Ich bin die Geschichte“. Weibliches Erzählen war das zentrale Thema. Fernab vom Märchenerzählen ging es uns um den Entwurf kreativer Geschichten, die unseren persönlichen Erfahrungen und Realitäten entsprangen. 2013 verließ ich die Gruppe und gründete zusammen mit zwanzig Schriftstellerinnen und Schriftstellern einen Arbeitskreis. Wir gaben uns den Namen „Das hässliche Entlein“ in Anlehnung an Hans Christian Andersens Märchen von dem Küken, das aus freien Stücken Nest und Geschwister verließ. Im Februar 2014 präsentierten wir unsere Geschichten in einer Performance mit dem Titel „Regenbogen“.

Zwischen „Die Erzählerin sprach“ und „Das hässliche Entlein“ lag ein weiter Weg. Während ich ihn ging, veränderte sich meine weibliche Identität und nahm neue Farben an. Nun bin ich nicht mehr Nora, die allein gegen die übermächtige, selbstsichere Gesellschaft kämpft. Eine Gesellschaft, die verbissen an alten Werten festhält, damit ja alles bleibt, wie es ist. Inzwischen sind wir zu einem großen Entenschwarm angewachsen. Schriftstellerinnen aller Altersgruppen haben sich uns angeschlossen, aber auch Schriftsteller, die die Frauensache unterstützen. Zusammen arbeiten wir daran, Stereotypen aufzubrechen, die sowohl die Frau als auch den Mann strangulieren. Wir geben uns nicht zufrieden mit den bekannten, von der Allgemeinheit so geliebten Bildern: Die Frau als Gattin, Mutter oder Hure. Der Mann als unerschrockener Held etc. Wir streben differenziertere, menschlichere Konzepte an. Ein ganzes Jahr lang trafen wir uns zu einer Schreibwerkstatt, aus der wir alle seelisch aufgebaut und gestärkt hervorgingen. Diese Erfahrung hat uns zu einer festen Gemeinschaft zusammengeschweißt.

Am 25. Januar 2011 durchlebte meine weibliche Identität einen nie erwarteten, überaus dramatischen Moment. Zahllos schlugen Frauen die Tür hinter sich zu und strömten hinaus, lautstark gegen Tyrannei protestierend. Frauen aller sozialer Schichten, aller Altersstufen, aller ideologischer Ausrichtungen stellten sich auf der Straße dem despotischen Regime entgegen. Einige fielen den Schüssen der Sicherheitskräfte zum Opfer, andere staatlich angeordneten sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. Trotzdem zogen sie sich nicht hinter die Türen zurück. Und die Männer zeigten sich in der Revolution von ihrer menschlichen Seite, keine Spur von den üblichen Zudringlichkeiten. Auch wenn ich selbst dabei war – ein einziger Tropfen im tosenden Meer der Menschen – so mindert das keineswegs mein Staunen über das, was ich um mich herum sah. Was ich sah, waren nicht bloß Massen von Frauen auf den Straßen. Nein, es war viel mehr: die Ankündigung einer gewaltigen, tiefgreifenden Umwälzung des kollektiven Bewusstseins. Die weibliche Seite, Anima, hatte sich erhoben, brach aus, behauptete sich gegen die männlichen Werte. Auf den brodelnden Straßen offenbarten sich nun die weiblichen Werte: die Fähigkeit zu lieben, den Fremden – der in der Revolution kein Fremder mehr war – einzubeziehen, das Anderssein zu akzeptieren. Und dann diese überwältigende künstlerische Aufwallung: Poesie, Gesang, Theaterimprovisationen ganz normaler Leute. Zweifellos ist es eine politische Revolution. Doch ist es auf der psychologischen Ebene der Gemeinschaft auch eine Revolution gegen das männliche Bewusstsein. Ein Bewusstsein, das sich in der Person des Diktators manifestiert. Aber es manifestiert sich auch in dem Wertesystem, das Frauen aus der öffentlichen Sphäre verbannt und sie auf ihre „heiligsten Pflichten“ reduziert, sie also auf die Rolle der Gattin und Mutter bzw. der angehenden Gattin und Mutter festlegt. Die Umwälzung kam zu einem Zeitpunkt, als ich mir darüber Gedanken machte, dass wir – also meine Mitstreiterinnen und ich – unsere feministische Rolle dringend revidieren müssten. Und schon katapultierten mich die Ereignisse aus der Lehrerposition in die einer Schülerin, die sehr genau weiß, dass sie viel zu lernen hat von diesem überwältigenden kollektiven Bewusstsein. Über den Rollenwechsel war ich überaus glücklich. Denn eine größere Überraschung hätte es nicht geben können.

Warum war Helmer erschüttert, als Nora das Haus verließ? Weil er wusste, dass sie andere Frauen und Männer treffen würde, die ebenfalls nach Gerechtigkeit und Freiheit strebten? Oder hat er einfach nur in dem engen Rahmen gedacht, der ihm von der Gesellschaft vorgegeben war, im Hinblick darauf, wie eine Frau zu sein habe?

Ich fragte mich, wie es um die Entwicklung meiner weiblichen Identität bestellt war? Hatte sie sich in den vergangenen zwanzig Jahren lediglich verändert oder hatte sie eine grundlegende Wandlung vollzogen? Zweifellos bin ich nicht mehr die einsame Nora, die sich Helmer, dem offiziellen Sprecher dieser herrschenden Strömung, entgegenstellt. Inzwischen bin ich ein ganzer Entenschwarm, bestehend aus Frauen und Männern, die beschlossen haben, ihr Anderssein öffentlich zu machen, und die stolz auf ihr Anderssein sind. Ich bin ein Tropfen in einem reißenden Strom von Menschen, die gegen die Unterdrückung der Frau durch die männlich dominierte Gesellschaft kämpfen. Habe ich dadurch meine individuelle Identität verloren? Oder hat sich meine individuelle Identität eher gefestigt und an Geschmack und Farbe gewonnen? Und wie steht sie in Beziehung zu den Aufständischen?

Das Intervenieren, die Erfahrung, das Hinterfragen, das Schreiben und die Suche nach Antworten haben mich wohl zu dem gemacht, was ich heute bin. Ein individuelles Ich mit den typischen Sorgen einer Frau, das viele andere Ichs mit jeweils eigenen Wesenszügen und Farben trifft. Zusammen bilden sie ein großes Mosaik, halten die Fahnen hoch im Widerstand gegen eine Männergesellschaft, die uns allesamt in zu enge Formen pferchen will. Formen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäß waren.

Nachdem Nora die Tür zuschlug, zog sie in die große Welt, die voll ist von Leuten wie Helmer. Doch sie begegnete auch Personen, die – genau wie sie selbst – auf der Suche nach ihrer Menschlichkeit waren und Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen und Männer forderten. Und nicht einen Augenblick hat sie ihren Schritt bereut.


[1] Deutsche Übersetzung aus der Internetseite „www.freilesen.de“. Der/die Übersetzer/in ist nicht genannt.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.

Aus der Fotoserie "Alger nooormal !" - Jean-Pierre Vallorani

Aus der Fotoserie "Alger nooormal !" - Jean-Pierre Vallorani