Transcript 2001 - 2014

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1.

Was ist meine Identität? Ich bin kein Psychologe, kein Soziologe, kein Literaturwissenschaftler. Spontan würde ich sagen: Es ist das Bild, das ich mir von mir mache. Es ist ein Bild, das sich an den Rändern verändert, im Kern aber stets das Gleiche bleibt. Es ist konstruiert aus Grunderfahrungen, die mit meiner Herkunft, meiner Kindheit, Einflüssen von Lehrern und von Literatur, mit meiner Sprache, auch dem Austausch mit dem Fremden und anderen Kulturen zu tun hat.

Ich muss gestehen, dass ich sehr selten über meine Identität nachdenke. Im letzten Jahr wurde ich mir ihr schlagartig bewusst, auf einem Poesiefestival in China, in der südchinesischen Stadt Yangzhou. Die eingeladenen ausländischen Dichter lasen ihre Gedichte in der Muttersprache, anschließend wurden Übersetzungen ins Chinesische verlesen, vor sehr vielen Zuhörern, überwiegend Studenten und an Literatur und Kultur interessierten Bürgern der Stadt. Ich las Gedichte aus meinem „Alexandria“ – Zyklus, über die alte hellenistische und die neue ägyptische Stadt, über Konstantin Kavafis und den Verlust des Kosmopolitismus im östlichen Mittelmeer. Während ich las, fragte ich mich plötzlich – es war der fast gewaltsame Einbruch dieser Gedanken -, was diese Gedichte, die mir so wichtig sind und eng mit meiner Geschichte im Mittelmeer verknüpft sind, hier in China sollen, was die Zuhörer davon verstehen können. Ich dachte, dass es sie überhaupt nicht tangieren kann, weil alle Referenzen fehlen. ‚Was lese ich da nur vor?’ hämmerte es in meinem Kopf. Wie nie zuvor war ich mir schlagartig meiner europäischen Identität bewusst, genauer: einer hier sehr fremden Identität, die ihren Sitz in der deutschen Sprache und im Raum des Mittelmeeres hat. Ich war in Panik. Für einen Moment war es mir schwierig, weiterzulesen.

2.

Was besagt diese Geschichte? Literatur greift nie global aus, sie ist immer subjektiv. Wenn sie gut ist, dann ist sie radikal subjektiv, also nah am Autor und an seiner Identität.

Die Geschichte besagt weiter, dass wir unsere Identität, weil wir uns meist im gleichen Milieu bewegen, erst bemerken, wenn äußere Umstände diese Identität in Frage stellen.

Ich komme zum Prozess des Schreibens: Dies ist ein höchst bewusster, aktiver Vorgang. Schreiben hat viel mit Imagination, aber auch sehr viel mit Erinnern zu tun. Wir schreiben das auf, was uns wichtig erscheint, und retten es damit vor dem Vergessen. Das Wesentliche (oder das, was wir für das Wesentliche halten) behalten wir so, durch Notat, und diese Wesentliche kann zum einen eine Affirmation unserer Identität sein, zum anderen unserer Identität neue Elemente hinzufügen, die sich dadurch verändert.

3.

Kann der Prozess des Schreibens also unsere Identität verändern? Ich sagte eingangs, dass wir uns unserer Identität oft gar nicht bewusst sind und in ihr ruhen. Vielleicht kann das aber nur einer sagen, der wie ich nach dem zweiten Weltkrieg in Westeuropa geboren und in einem Land groß wurde, das über sechs Jahrzehnte so gut wie keine Krisen kannte, das rechtsstaatlich verfasst ist und prosperiert, also von vielen anderen Punkten der Welt aus betrachtet so etwas wie ein Schlaraffenland ist.

In Krisenregionen, in Extremsituationen bildet sich mit Sicherheit ein ganz anderes schriftstellerisches Ich heraus. Die Autoren zum Beispiel, die vor Nazi-Deutschland fliehen mussten und Vertreibung, Flucht, Emigration und Exil oft unter schwierigsten Bedingungen am eigenen Leib erfahren haben, haben auch Veränderungen ihrer Identität hinnehmen müssen. Die meisten von ihnen haben diesen Veränderungen schreibend nachgespürt. Der österreichische Autor Stefan Zweig, der 1934 nach London emigrierte und von dort 1939, bei Ausbruch des Weltkrieges, über New York und Argentinien nach Brasilien kam, nahm sich dort, in Petropolis, das Leben. In den Monaten vor seinem Freitod schrieb er das Erinnerungsbuch „Die Welt von Gestern“, in dem er den alten kaiserlichen Vielvölkerstaat Österreich heraufbeschwor und damit auch seine „alte“ Identität, die an den neuen Realitäten zerbrach. Ganz anders Bertolt Brecht. Bei ihm haben die langen Exiljahre in Dänemark und in den USA zu einer Veränderung seiner Identität geführt. In vielen Gedichten, in Lehrstücken hat er diese Veränderung nachvollzogen oder ist sich ihr durch das Schreiben noch bewusster geworden. Auch seine nach 1945 klare Hinwendung zum Kommunismus ist auf der Folie seiner amerikanischen Erfahrungen zu sehen.

Ein zweites Beispiel für Änderungen im Prozess der Identitätskonstruktion sind die älteren Dichter in Osteuropa, die eine Diktatur nach der anderen durchlebt haben und in deren Körper und Seelen sich diese Geschichte der Gewalt und der Vergeblichkeit eingeschrieben hat. Ihre Erfahrungen sind inkommensurabel mit denen der nach dem Krieg Geborenen. Deshalb haben ihre Gedichte, wenn wir nur einmal die großen Polen nehmen, Czesław Miłosz oder Wisława Szymborska, ein Gewicht oder auch eine Tiefe der Verantwortung, denen Autoren im Westen nichts wirklich Ebenbürtiges entgegenstellen können. Heiner Müller, der berühmteste Dramatiker der DDR, sprach nach 1989 von der „Fallhöhe“, die er für seine Werke gebraucht habe und die er nun im wiedervereinigten Deutschland vermisse. Im Kampf gegen Zensur und Unterdrückung hatten sich bei ihm eine ganz besondere fintenreiche Sprache, und somit ein unverwechselbares Autoren-Ich herausgebildet.

Auch die jüngere ägyptische Geschichte ist von politischen und religiösen Konflikten gekennzeichnet. Es interessiert mich sehr, wie ägyptische Autoren diese Beziehung von Identitätskonstruktion und  extremen äußeren Umständen sehen. Wie färbt dies auf ihr Schreiben, und damit auf ihre Identität ab?

4.

Abschließend: Ich glaube, dass die Einmaligkeit einer Person auch durch alle Veränderungen erhalten bleibt. Der Anstoß zu einer Identitätsveränderung kommt nicht durch das Schreiben, sondern durch äußere Ereignisse. Schreiben ist, in diesem Kontext, Nachvollzug.

Doch gibt es zwischen Schreiben und Identitätsbildung eine Wechselwirkung. Neue Erfahrungen werden im Schreiben ins Bewusstsein gehoben und können der Identität als neue Komponenten „zuwachsen“. Wir dürfen aber, da wir uns im Reich der Literatur bewegen, nie vergessen, dass der Impuls zum Schreibprozess weniger in unserer Identität liegt als in den Dämonen, die jeden Schriftsteller verfolgen: dem Dämon der Angst, dem Dämon der Perfektion, dem Dämon der Lust oder dem Dämon der Erinnerung. Auch darüber sollen wir sprechen.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.

Bibliotheca Alexandrina © LCB

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