Transcript 2001 - 2014

Identitäten im Fluss – Singuläre Identitäten

Von Alaa Khaled
Originalsprache: Arabisch
Übersetzung ins Deutsche von Leila Chammaa
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
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Was für eine Identität hatte Hayy bin Yaqdhân, der Held des gleichnamigen Werkes von Ibn Tufail [1]? Das literarische Stück erzählt die Geschichte eines Jungen, der allein auf einer abgelegenen Insel lebte. Unmittelbar nach der Geburt war er von seiner Mutter aus der Not heraus in einem Sarg auf dem Meer ausgesetzt worden. Von den Wellen an eine verlassene Insel gespült, entdeckte ihn, weil er entsetzlich schrie, eine Gazelle. Der Zufall wollte es, dass sie kurz zuvor ihr Kitz verloren hatte. So stillte sie den Jungen und sorgte für ihn bis an ihr Lebensende. Die Geschichte besagt, dass Hayy bin Yaqdhân auf der Insel ohne Mutter und Vater aufwuchs – also ohne Bezugssystem oder Vorbild – genau wie Adam, der erste Mensch.

Möglicherweise bedeutet „Identität“ in diesem Fall die Nicht-Existenz von Heimat, Grenzen, Gemeinschaft, verbindender Kultur, äußeren Zwängen, Klassenunterschieden, Kolonialismus, Diskriminierung, Fanatismus und allen anderen identitätsstiftenden Faktoren im Zeitalter der Moderne. Hayy bin Yaqdhâns Identität gründete sich auf dem Gedächtnis und dem Erleben der Geschöpfe, mit denen er in Berührung gekommen war: die Mutter – die ihn zwar geboren hatte, aber eine unbekannte Größe blieb – und die Gazelle, die ihn aufgenommen hatte. Die abwesende Mutter und die Gazelle stellten demnach die anfängliche Mikrogesellschaft bzw. das „Gegenüber“ dar, an dem sich seine Identität herausbildete.

Diese seltene Art der Identität, die singuläre Identität, ist genügsam. Sie speist sich aus Kontemplation und einem gewissen Maß an Abgeschiedenheit als Ausgangspunkt für die Entdeckung des Selbst aus der Innen-, nicht der Außensicht. In zeitweiliger Abgeschiedenheit findet die Suche nach Aspekten und Bildern des eigenen Seins statt, die Suche nach Ursprung, Beschaffenheit und Kartographie des Selbst bei gleichzeitiger Erkundung der unmittelbaren Umgebung. All dies geschieht ohne jedes Vorwissen oder Bezugssystem. Eine Identität erwächst, die sich ausschließlich aus sich selbst heraus definiert.

Auf der Reise einsamer Kontemplation erlangte Hayy bin Yaqdhân Kenntnis von Gott, ohne ihn jedoch zu benennen. Den Weg zum höchsten Wesen fand er ohne Zutun einer bestimmten Religion. Allein durch Kontemplation in einem exzeptionellen, auf Introspektive, Intuition und Experiment basierenden Lebenskontext formulierte er sein Selbst-Verständnis. Während Informationen in der Regel von Müttern mittels Geschichten an die Kinder weitergegeben werden, war die Gazellenmutter Sprach-los. Die Übermittlung von Erfahrung konnte auf der Insel also ausschließlich durch Begegnung, Zusammenleben und Betrachtung des anderen vonstattengehen.

Hayy bin Yaqdhân lernte erst sehr spät sprechen. Er wusste nicht, dass es so etwas wie Sprache gab, wusste nicht einmal, dass er ein Mensch war. Die einzige Sprache, die er beherrschte, war das Schreien. Schrille Töne, die ihn immerhin vor dem Tod bewahrt hatten. So begann das Lernen. Es fühlte sich an, als würde etwas in ihn hineingeschleudert werden. Gleichzeitig weiteten sich zunehmend die Grenzen seines Selbst, innerhalb derer das Echo der unterdrückten Stimmen, der gefangenen Sprache, der Überwältigung und der Freude am Lernen widerhallte. Im tosenden Widerhall, der nur darauf wartete, zu Sprache zu werden, formte sich seine Identität.

Was wäre gewesen, wenn Hayy bin Yaqdhân einen anderen Weg eingeschlagen hätte? Wenn er nicht – wie Ibn Tufail ihm beschieden – Kenntnis von Gott erlangt hätte? Vielleicht wäre ihm dann ein Gedächtnis zuteil geworden, das dem Nichts entspringt. Eine Identität, die dem Nichts entspringt. Denn seine Eltern kannte er ja nicht. Er hätte weder Gedächtnis noch Identität lokalisieren können, wäre folglich außerstande gewesen, Ereignisse, die er nicht selbst erlebt hatte, einzuordnen. Das orientierungslose Selbst hätte seinen Platz in der Daseinskette nicht gefunden und somit der eigenen Geschichte nicht nachgehen können. Vielleicht hätte er in dieser Situation einen Konflikt aus dem Boden gestampft, um daran eine Identität zu entwickeln, die ihn aus dem Nichts, aus der Leere des Gedächtnisses und einer nicht gelebten Vergangenheit rettet. Er hätte dem Gedächtnis und dem Erlernten entgegengewirkt und sich kraft der Fantasie einen Ersatz für die verlorene Vergangenheit geschaffen – so wie es ein Geschichtenerzähler tut.

Hayy bin Yaqdhân lebte in der Obhut einer Gazelle, und Tarzan wurde von einem Affenweibchen großgezogen. In beiden Lebensgeschichten manifestiert sich die Vorstellung von einer umfassenden Harmonie, der Harmonie zwischen Mensch, Tier und Natur. Vielleicht diente diese Eintracht der Kompensation. Vielleicht sollte sie über das Fehlen einer Gemeinschaft und über die Einsamkeit hinwegtrösten, sollte Hayy bin Yaqdhân und Tarzan für die Begrenztheit ihres Daseins und die Sprachlosigkeit entschädigen. Im Grunde vergegenwärtigt die Eintracht zwischen Mensch und Tier den Urzustand, also die Ur-Einheit bzw. Ur-Identität, die geherrscht hat, bevor Gesellschaften, Völker und Grenzen aufkamen. Die harmonische Beziehung schenkte dem Tier seine Bedeutung als heiliges Geschöpf, Totem oder alte Gottheit zurück. Denn, indem Hayy bin Yaqdhân Kenntnis von Gott bzw. dem höchsten Wesen ohne Mithilfe einer bestimmten Religion als Beweis für die Allgemeingültigkeit des Glaubens erlangte, belebte er im gleichen Moment auch einen alten Kult weiblicher Ausprägung wieder: Die Frau oder Mutter als heiliges Symbol auf der irdischen Wanderschaft des Menschen.

Als Adam aus dem Paradies verstoßen wurde, glich die Erde einer einsamen Insel. Identität schöpfte Adam aus seiner Vergangenheit, aus der Erinnerung an das verlorene Paradies. Sein Gedächtnis fasste die schönen wie auch hässlichen Erfahrungen, die ihm zuteil geworden waren. So auch die Erinnerung an die Schuld, die er im Paradies auf sich geladen hatte. Mit dieser Schuld lebte er nun auf der Erde. Und seither vererben wir die Schuld immer weiter, um wiedergutzumachen und uns die Rückkehr ins Paradies zu sichern. Schuld ist ein fester Bestandteil unserer Identität und das Forum für Sühne. Vielleicht war es die Verbundenheit zu Eva oder die Liebe, die Adam zu einer neuen Identität verhalf, die die einsame Insel erträglicher machte und die Schuldgefühle linderte.

Vielleicht lag es an dem ständig nagenden Schuldgefühl, dass Adam Minderwertigkeitskomplexe entwickelte, die sich eine Religion nach der anderen zunutze machte. Und später der Kolonialismus. Auf dieser Grundlage gewann er Macht über ganze Völker, die von tiefer Schuld beherrscht werden, und löschte ihre Identität aus. Schuldgefühle schwächen darüber hinaus die Psyche, sodass sie mühelos zu erstürmen und bezwingen ist. Schulgefühle erschüttern das Wertesystem, denn die Schuld, wie fragil sie auch zu sein scheint, befindet sich im Herzen einer solchen Identität.

Die Früchte der Minderwertigkeitskomplexe werden zunächst Gott zu Füßen gelegt, dann jedem, der seinen Platz einnimmt oder eines seiner Attribute an den Tag legt: Macht.

Macht bzw. ihre moderne Ausprägung in Form von Kolonialismus tut ihr Übriges. Spaltet jede noch einigermaßen intakte Identität, zersetzt sie. Möglicherweise hat der Kolonialismus einen wesentlichen Beitrag zu den Identitätskrankheiten und zum Fanatismus in früheren wie auch gegenwärtigen Zeiten geleistet. Vielleicht liegt es an ihm, dass die Identität sich in eine Ecke hinter Stacheldraht verkrochen hat und darauf wartet, angegriffen zu werden.

Menschen mit singulärer Identität haben eines gemein. Sie haben früh gelernt zu beobachten und Schlüsse zu ziehen. Sie kamen bereits als reife Erwachsene auf die Welt – genau wie Jesus, der sich schon für seine Mutter einsetzte, als er noch in der Wiege lag. Alle entstammen sie dem Schoß eines Wunders. Oder der Zufall war ihnen zugetan, sodass sie eine verschüttete Lebensweise – wie etwa die harmonische Beziehung zu den Tieren – entdeckten. Sie sind hier, um einen neuen Weg aufzuzeigen oder einen alten wieder auszugraben. Deshalb haben sie etwas Prophetisches. Doch sind es Propheten ohne Anhängerschaft und Gemeinde. Außerdem erleben sie ihre bedeutende Reise abseits, vielleicht in einem Labor oder auf einer einsamen Insel, wo sie ihre Identität aus der Introspektive erkunden und nicht in der Reflexion eines äußeren Betrachters. Da sie sehr jung sind, ist ihre Vorstellungskraft noch nicht von vorgefertigten Negativbildern über sich und ihr Leben kolonisiert. Sie sind unbelastet und daher frei in der Gestaltung eines authentischen, unbefangenen „Ich“. Fernab von vorgefertigten Bildern kann sich ihre Fantasie ungehindert der Identitätsbildung hingeben.

Singuläre Identitäten stehen in enger Beziehung zur weiblichen Kraft – Mutter, Göttin – die in Ibn Tufails Geschichte als Tier in Erscheinung tritt. Weiblichkeit und Mutterschaft gelten als Hüterinnen des Lebens und stehen daher für die Ur-Identität, die keiner Entdeckung bedarf. An ihr festzuhalten, ist Identität schlechthin. Mutterschaft ist die ursprünglichste aller Eigenschaften, die Voraussetzung für das Fortbestehen aller originären, zweifelnden und suchenden Identitäten. Vielleicht erweckt diese Beziehung nicht bloß den Duft einer alter Religion wieder, die die Frau in Tiergestalt oder das Tier in Frauengestalt verehrte, sondern spricht der Frau darüber hinaus Gerechtigkeit zu, wie von Ibn Tufail thematisiert.

Wir entsinnen uns unserer Identität und verteidigen sie, sobald sie zum Dilemma, zu einer diffusen oder nagenden Frage wird, die es zu beantworten oder zu verfechten gilt. Wir entsinnen uns ihrer auch, wenn sie in einem Konflikt steckt, in Aufruhr ist, ohne dass klar wäre, wem sie gehört: Uns. Der Geschichte. Den falschen Bildern, die wir unbewusst von uns selbst aufbauen und tauschen wie Briefmarken. Manchmal spüre ich einen physischen Druck. Ich spüre etwas in mir aufbegehren, spüre einen unsichtbaren Kratzer. In diesem einen Moment und auch in wiederkehrenden Momenten habe ich das Gefühl, dass die Identität, die ich mir als eine Flüssigkeit vorstelle, plötzlich zu fester Materie erstarrt, nicht mehr fließt. Und sofort erscheint sie in Form von Ehre, Egoismus, Neid.

Das Dilemma der Identität besteht darin, dass sie sich im kollektiven Gewand zeigt, obwohl sie ausschließlich durch das Individuum selbst zu erlangen und zu entdecken ist.

Alexandria, 22.3.2014

Dieser Text entstand im Rahmen des Projektes „Das weiße Meer“, eine Veranstaltungsreihe (Debatten, Konferenzen und Lesungen), in deren Fokus der unverwechselbare Kulturraum der mediterranen Welt steht.
Weitere Informationen zu  „Das weiße Meer – Literaturen rund um das Mittelmeer“ finden Sie hier.

Ein Projekt der Allianz Kulturstiftung und des Literarischen Colloquium Berlin in Kooperation mit der Doum Cultural Foundation und der Bibliotheca Alexandrina.


[1] Arabisch-andalusischer Philosoph, Astronom, Arzt, Mathematiker und Mystiker, 1110 bei Granada geboren, 1185 in Marrakesch gestorben.

Bibliotheca Alexandrina © LCB

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