Transcript 2001 - 2014

Prosa – Tatev Chakhchakhyan

Von Tatev Chakhchakhyan
Originalsprache: Armenisch
Übersetzung ins Deutsche von Herbert Maurer
Thema: Armenien
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Österreich – Armenien – Meer

Zwei Menschen, aus Österreich und Armenien, können jedes beliebige Rätsel um Meer und Berge lösen. Wenn rundherum hohe Berge sind, die bis in Wolken ragen, dann vergisst du beim Fliegen, was Weite bedeutet, du beginnst, um dich zu schauen, hinauf und hinunter …

Es gibt keinen Horizont, keine Weite, keine Unendlichkeit, keinen Genuss des Suchens und Findens, auch nicht den Mut, über das Verschwinden nachzudenken …

Weißt du, die Berge sind Wände, zwischen dich und die Welt gestellt, wie die Berliner Mauer, wie die chinesische Mauer, wie die Klagemauer (noch viel nässer als diese) … Die Berge sind Grenzwächter, sie lassen nicht zu, dass man seinen Blick hinüber werfen kann. Das Meer ist die Freiheit, die du und ich nicht haben, der nicht gefundene Traum, das Wunder, ohne Flügel im Schwimmen zu fliegen, das Vermögen, mit ganzer Lunge zu atmen, die Sehnsucht nach der Ferne … Dem Ohr dessen, der zwischen Felsen lebt, erzählt das Meer jede Nacht die Märchen von der großen Welt …

Das Wasser flüstert dir das Hörensagen des Erlebten ins Ohr und die Ahnungen des Nichterlebten. Das Wasser erinnert sich an alles, nichts kannst du verbergen, denn nackt steigst du ins Meer, und selbst die Haut kann deine Seele nicht verbergen …

Du weißt ja, wir träumen von Kilikien, das weite Nass in unserer Vergangenheit, das tiefste Blau … Mein Großvater ist auf dem Musa Dagh geborgen, er hatte blaue Augen … er hat mich gelehrt, die Wellen des Mittelmeers zu hören, den Geruch des Meeres zu spüren und die Sonne, die darüber untergeht … Jetzt, hier, auf dem trockenen Asphalt von Yerevan, wundere ich mich … wieso sind meine Augen blau?

Aus der Fotoserie "Khtsaberd" von Anahit Hayrapetyan