Transcript 2001 - 2014

Ein Irrtum

Von Rouzan Azizian
Originalsprache: Armenisch
Übersetzung ins Deutsche von Herbert Maurer
Thema: Armenien
Standard-text | Formatierten text
Aus der Fotoserie

Aus der Fotoserie „Mass Wedding“ von Anahit Hayrapetyan

Als ich in den Zug stieg, war der Wagon ziemlich voll, nur in meinem Abteil war niemand. Eigentlich wunderte ich mich. Es gab ja Gerüchte, dass gerade im August die Platzkarten doppelt verkauft würden. Nun sah ich keinen Menschen. Es erstaunte und beunruhigte mich.
Draußen gab es hörbares Gedränge, unruhig gingen Menschen hin und her, trugen ihr Gepäck herum, versuchten es zu verstauen, verabschiedeten sich voneinander, ruderten aneinander vorbei – wie in einer reißenden Strömung, sodass ich meinte, das Wasser könnte durch die geschlossene Tür mich überschwemmen. Doch niemand betrat mein Abteil. Es war auch in keinem guten Zustand, verstaubt, hie und da Papierfetzen mit irgendwelchen Kritzeleien.

Der Zug setze sich in Bewegung. Einige Male wurde gehalten. Ständig dachte ich, dass bei irgendeiner der nächsten Station doch wohl ein Reisender eintreten würde, doch niemand trat ein. Durch die halbgeöffnete Tür hörte ich, wie die anderen Reisenden kontrolliert wurden, zu mir kam niemand. Aus Langeweile sammelte ich die Papierfetzen am Boden und auf dem Tisch ein und begann zu lesen. Es waren Seiten, aus einem Tagebuch herausgerissen, mit Datum versehen. Einige verwiesen auf längst vergangene Zeiten, wieder andere auf die nahe Zukunft. Der Schreiber war offenbar in einem sehr unausgeglichen psychischen Zustand gewesen und hatte die Epochen durcheinandergebracht. Immerhin war es interessant, ich liebte es immer, den Gedanken und Taten solcher Menschen auf diese Weise nachzugehen. Manchmal wundere ich mich immer noch, dass aus mir keine Therapeutin geworden ist. Es störte mich ja niemand, die Ankunft war erst am nächsten Morgen, so begann ich zu lesen …

12.08.02
Alle diese Erzählungen, Romane, Novellen … einer verlässt den anderen und wird unglücklich, wie sind sie doch alle gleich. Sie haben nur dann einen Sinn, wenn am Ende derjenige, der verlassen wurde, doch erfolgreich wird und mit viel Geld, einem Leben auf großem Fuß oder einer anderen Großartigkeit zu dem zurückkehrt, der ihn verlassen hat, und entweder verzeiht oder ihm mit Hinweis auf den eigenen Erfolg ohne Vergebung den Rücken kehrt. Nur darüber sollte man Bücher schreiben oder Filme drehen.

In Wirklichkeit erreichen die meisten Sitzengelassenen in ihrem ganzen restlichen Leben so gut wie nichts mehr, auch wenn sie das Recht haben sollen, über sich zu lesen oder einen Film anzuschauen. Aber die Geschichten der Erfolglosen interessieren doch niemanden, alle wollen eine „success story“. Sie unterstützen, ja zwingen die Menschen, immer mehr zu wollen und an die gegebenen oder nicht gegebenen Möglichkeiten des Lebens zu glauben …
(Eines Tages schreibe ich darüber ein Buch. Ich weiß aber nicht wann, und nicht welches Buch.)

08.08.12
Das Meer im Blut: Ein Meer, an dessen Ufer du leben kannst, 100 Jahre lang. Am Strand sitzend, das Kommen und Gehen der Wellen betrachtend. Du verstehst das Geheimnis der Unsterblichkeit. Das heißt „ewig“. In Jahrhunderten ändert sich nichts. Ein Stein wird durch einen anderen ersetzt, eine Welle verdrängt die andere, die Sonne geht auf, geht unter, geht wieder auf und nichts ändert sich. Nach hundert Jahren ist es derselbe Strand, dasselbe Wasser. Interessant ist allein, wieso die Menschen hier nicht ewig leben. Wie schaffen sie, alt zu werden und zu sterben?

14.21.1008
Zuerst … erinnerst du dich? … warst du überzeugt, dass der, der geht, immer siegt. Als du dann gingst, hattest du gesiegt. Ich war besiegt und schaute dumm. Wieso bin ich mir jetzt nicht mehr sicher?
Gehen, gehen, gehen, auf der Stelle sterben, in einem Dorf im Grünen, wo dich niemand kennt, wo es keinen Arzt gibt, wo die Menschen auch nicht bemerken, dass du da warst, dass es dich jetzt nicht mehr gibt. Dann erinnern sie sich plötzlich, tragen dich fort und begraben dich an einer Straßenbiegung, legen auch einen Strauß Kunstblumen auf dein Grab, der bleibt und dreihundert Jahre lang verstaubt, bis der Regen und die Sonne deine Spuren verwischen.
(Ich wundere mich, wie sehr die Aufzeichnungen in diesen Papieren dem ähnlich sind, was ich oft denke. Schreibt eine Frau oder ein Mann? Wie alt ist sie oder er?)

05.08.12
Es gibt nicht Lächerlicheres als eine Alte, die auf schön tut. Sie hat goldene Zähne, hat ihre Haare rot gefärbt, hat fauligen Mundgeruch, hat kurze rosa Kleider an und flattert mit einem Schmetterling um die Wette. Der Schmetterling ist verärgert, der Schmetterling will flattern, will frei sein, doch die Alte versteht das ganz anders …
Ich werde nie alt. Vor altem Fleisch graust mir. Ich kralle mich ans Leben … wie viel leichter sterben die Jungen. Ich sterbe jung, mit 100 Jahren.

14.08.12
Wenn du schlägst, dann erwarte den Gegenschlag. Nach so vielen Lebensjahren habe ich diese einfache Wahrheit immer noch nicht verstanden. Immer wieder hatte ich die Hoffnung, dass man als Antwort auf meinen Schlag um Entschuldigung bitten könnte. Stattdessen war der Gegenschlag die Antwort. Immer und immer wieder. Kein einziges Mal lächelten sie oder strichen mir über den Kopf, wenn ich hinschlug. Sie erkannten nicht einmal, dass es ihre Schuld war. Wieso verhaltet ihr euch so, dass ich euch alle hasse, wieso wollt ihr, dass ich hasse?

05.05.05
Es reicht, wenn du ein wenig müde wirst und die Augen schließt. Schon sind Menschen zur Stelle, die bereit sind, dich zu begraben. Jedes Mal ist das so. Wieso, mein Lieber? Was geht euch das an, dass ich tot, dass ich begraben bin? Wozu diese Eile in solchen Fragen?

Aus der Fotoserie "Diarbeqir, 2012" von Anahit Hayrapetyan