Transcript 2001 - 2014

Zu dieser Ausgabe

Von Anahit Avetissian & Mkrtich Matevossian
Originalsprache: Französisch
Übersetzung ins Deutsche von Andreas Jandl
Thema: Armenien
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Bittet man irgendeinen Armenier, von der Literatur seines Landes zu erzählen, wird er in neun von zehn Fällen sehr weit ausholen und mit der Entstehung des armenischen Alphabets im 5. Jahrhundert beginnen. Er wird von Mesrop Maschtoz berichten, dem Erfinder des Alphabets, und seinen Schülern, die sich der gewaltigen Aufgabe verschrieben, die heilige Schrift ins Armenische zu übersetzen – unter anderem Texte, die nur noch in armenischer Fassung erhalten sind. Er wird auf Grigor Narekatsi zu sprechen kommen, auch bekannt als Heiliger Gregor von Narek, einen armenischen Theologen, Philosophen und Dichter aus dem 10. Jahrhundert, unter Mediävisten weltweit bekannt und zweifellos einer der großen mystischen Dichter der Literaturgeschichte, der die „armenische Renaissance“ auf sich allein vereint, noch lange vor Anbruch der Aufklärung im restlichen Europa. Bestimmt wird er auch Nahapet Koutchak erwähnen, einen Dichter oder aschug (Troubadour) aus dem 16. Jahrhundert, bekannt vor allem für seine subtil-feinsinnigen aber auch sinnlich-erotischen Liebeslieder, die sich über alle Dogmen des obskurantistischen Mittelalters hinwegsetzten. Und Sayat Nova, einen bedeutenden Liebesbarden aus der Tradition der aschug, der auf Armenisch, Georgisch und Türkisch sang.

Aus jüngerer Zeit wird er von Khatchatour Abovian sprechen, dem „Vater der modernen armenischen Literatur“, der sich im 19. Jahrhundert vom grabar abwandte, dem Alt-Armenischen, und in der Regionalsprache, der Umgangssprache schrieb. Nicht zu vergessen Raffi, den produktiven Schriftsteller, den romantischen und revolutionären, der in seinen historischen Romanen die Größe des alten Armeniens auferstehen lässt, das Leben unter der ausländischen Unterdrückung beschreibt und den Befreiungskampf des Volkes.

Vielleicht würde der Befragte auch die Dualität der armenischen Literatur ansprechen, die ihren Ausdruck in zwei Literatursprachen findet, deren Entwicklung historische Gründe hat: das Ostarmenisch, das heute vor allem in der Republik Armenien gesprochen und geschrieben wird und das Westarmenisch, das man in der Diaspora spricht. Ungeachtet dieser Dualität erfahren die beiden armenischen Kulturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts parallel interessante Entwicklungen, aus denen große literarische Persönlichkeiten hervorgehen, die jedoch beide jäh unterbrochen werden, die eine vom Völkermord an den Armeniern, die andere von den Säuberungen des sowjetischen Regimes.

Im Westen: Krikor Zohrab, Taniel Varujan, Siamanto, Ruben Sevak und andere im Zuge der Massenverhaftung armenischer Intellektueller durch die osmanische Regierung ermordeten Schriftsteller und Dichter, mit der am 24. April 1915 der Völkermord begann. Oder auch Zabel Yessaian, eine der wenigen bekannten Schriftstellerinnen, „Meisterin des psychologischen Romans“, die dem Völkermord entkam, jedoch in die Fänge des sowjetischen Regimes geriet und spurlos verschwand, Hagop Oshagan, Autor von Romanen und Theaterstücken, Literaturkritiker, der den Großteil seines Lebens im Exil verbrachte, oder Shahan Shahnour (auch bekannt als Armen Lubin), der nach Paris auswandert und über sein Schicksal als Exilant ebenso kunstvoll auf Armenisch wie auf Französisch schreibt.

In Ostarmenien: Vahan Terian, Hovhannes Tumanjan, Awetik Issahakjan, Jeghische Tscharenz, Aksel Bakunts – Namen, die heute unsere Klassiker sind und die jeder Schüler aufsagen kann, auch wenn einige von ihnen schlimmer als andere unter der sowjetischen Herrschaft zu leiden hatten. Etwa Jeghische Tscharenz, der in seinen Anfängen Vorsänger derselben Revolution war, die später sein Opfer fordern würde. Andere große Schriftsteller wie Gurgen Mahari und Ler Kamsar wiederum, die ins Exil getrieben und vom KGB auf organisierte Weise drangsaliert wurden, erfahren noch heute Formen von Ostrazismus und Zensur.

In nicht allzu ferner Vergangenheit stoßen wir im östlichen Armenien auf die großen sowjetischen Schriftsteller und Dichter Hrant Matevossian, Hamo Sahian und Paruyr Sevak. Zur selben Zeit – in der Diaspora – sind es Namen wie Sarafian, Zahrat oder auch Vahe Oshagan.

Je weiter man in die Gegenwart kommt, wird der Gesprächspartner paradoxerweise nicht mehr genau wissen, von wem, von welchen Namen und Strömungen er berichten soll.

Es ist tatsächlich sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die zeitgenössische armenische Literatur in Kürze darzustellen, da einerseits das armenische Schreiben, wie in diesen postmodernistischen Zeiten auch die Weltliteratur, sich durch seine große Bandbreite auszeichnet und nicht auf eine Formel bringen bzw. zu Strömungen, Bewegungen oder Schulen zusammenfassen lässt. Andererseits könnte man die Grenzen dieses als „armenische Literatur“ bezeichneten Phänomens aufgrund der bedeutsamen Diaspora nicht klar umreißen, insofern mehrere armenische oder armenisch-stämmige Autoren ihre Zugehörigkeit sowohl in Armenien als auch in der jeweiligen Einwanderungskultur verorten, und sich oft in der neuen Landessprache ausdrücken, weshalb sie nur schwer einem Land zuzuordnen sind: Schriftsteller mit armenisch-amerikanischem, -französischem, -argentinischem Hintergrund usw. Wie lassen sich beispielsweise die in Argentinien geborene, spanischsprachige Dichterin Ana Arzoumanian, die in den USA lebenden englischsprachigen Romanciers David Kherdian, Peter Najarian und Peter Balakian, die sich stilistisch untereinander schon sehr unterscheiden, die französischsprechenden Martin Melkonian, Denis Donikian und Daniel Arsand sowie der ebenfalls in Frankreich lebende aber auf armenisch schreibende Grigor Beledian und all die anderen Schriftsteller der Diaspora auf einen Nenner bringen? Um noch ein Beispiel zu nennen: Sollte man einen Aram Saroyan, bekannt für seine minimalistische Lyrik, etwa das Einwortgedicht „lighght“ – übrigens der Sohn des berühmten William Saroyan – als armenisch, amerikanisch oder armenisch-amerikanisch klassifizieren? Viel allgemeiner ist zu fragen, was einen armenischen Schriftsteller überhaupt ausmacht – die Herkunft, die Themen oder sonst ein Kriterium?

Müsste man ein Hauptmerkmal der zeitgenössischen armenischen Literatur benennen, der in Armenien produzierten zumindest, wäre dies eine gewisse Verschlossenheit gegenüber dem Roman, dem heute jedoch wichtigsten Genre in Europa, und einer Vorliebe für Kurzprosa und Lyrik. Die armenische Literatur zeigt sich als experimentierfreudig, auf der Suche nach sich selbst, eine Literatur, die sich von aller sowjetischen Zensur befreien möchte, die manchmal lieber umgangssprachlich, sogar vulgär klingt, klassische Erzählformen aufbricht, etc. Diese Literatur ist reich an Namen, alten, die zwischen zwei Epochen gerieten und sich für die literarische Erneuerung einsetzten (wie Violette Grigorian, Marine Petrossian, Vahram Martirossian, Levon Khechoyan, Armen Shekoyan, Vardan Fereshetyan, Gurgen Khanjian, Vahan Ishkhanian usw.), und jüngeren, die aus der Generation der Unabhängigkeit stammen, und deren langfristige Bedeutung sich in den kommenden Jahren zeigen wird (Hovhannes Teqgyozyan, Arpi Voskanian, Chouchanik Tamrazian, Vahé Boudoumian, Nara Vardanian, Aram Pachyan, Karen Antashian, Armen Ohanian, Hovhannes Ishkhanian, etc.).

Normalerweise kann man interessierte Leser immer auf bestimmte bekannte Bücher oder Verlage verweisen, im Fall der armenischen Literatur ist das aber leider so gut wie unmöglich, da es nur sehr wenige Übersetzungen gibt. Daher ist diese Ausgabe von Transcript sehr wichtig, bringt sie doch Übersetzungen und Veröffentlichungen zeitgenössischer Autoren aus Armenien und der Diaspora an einem zentralen Ort zusammen, die man sonst nur vereinzelt findet, mal auf Armenisch, mal auf Englisch, Französisch oder Spanisch, und die hier zum Teil speziell übersetzt wurden. Wir hoffen, dass diese Texte Ihr Interesse an der zeitgenössischen Literatur erwecken, und dass dieses Interesse wiederum zu neuen Übersetzungen und einer weiteren Verbreitung von armenischer Literatur führt.

Wir wünschen interessante Entdeckungen!

Das Thema Armenien wurde zusammengestellt von Mkrtich Matevossian, Vahram Danielyan, Siranush Dvoyan, Samvel Mkrtchyan, Gerard Malkhasyan und Anahit Avetissian.

Mit Unterstützung des Kulturministeriums der Republik Armenien.

Alle Fotos sind (soweit nicht anders angegeben) von der Fotografin Anahit Hayrapetyan (Website).

From the photo story "Singles" by Anahit Hayrapetyan