Transcript 2001 - 2014

Zu dieser Ausgabe

Von Marco Galea, Albert Gatt
Übersetzung ins Deutsche von Andreas Jandl
Thema: Malta
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Peripherie und Zentrum

Die maltesische Literatur hat einige Besonderheiten vorzuweisen, die wir in dieser 38. Ausgabe vonTranscript beleuchten wollen.

Die Auswahl der Texte für die vorliegende Ausgabe erforderte viel Pragmatismus, da es schier unmöglich ist, die Literatur einer bestimmten Zeit und Geographie klar zu bestimmen. Welches sind die Faktoren, die eine „Landesliteratur“ auszeichnen? Und gibt es eine solche Landesliteratur im Falle Maltas überhaupt?

Malta verfügt knapp über 400.000 Einwohner und wird somit automatisch zur Heimat einer „kleinen“ oder „wenig verbreiteten“ Literatur. Hinzu kommt die geringe Zahl von Übersetzungen aus dem Maltesischen. Die maltesische Literatur muss sich also sehr anstrengen, um international wahrgenommen und besprochen zu werden.

Viele heimische Autoren setzen sich in ihren Werken mit dieser Grundproblematik auseinander, wie Jon P. Mitchell, der 2001 seine Landsleute als „ambivalente Europäer“bezeichnete – sowohl in ihrer Beziehung zu den europäischen Mitbürgern als auch zu den außereuropäischen Einwanderern.

Und auch innerhalb der maltesischen Literaturszene lassen sich Entwicklungen beobachten, die einem Dialog zwischen „zentralen“, „kanonischen“ Werken und dem „Peripheren“ entsprechen. Wir haben in unserer Auswahl versucht, auch dieses Phänomen zu berücksichtigen.

Die letzten vierzig Jahre standen im Zeichen einer literarischen Bewegung namensMoviment Qawmien Letterarju („Literarisches Erwachen“), die 1967 die Bühne betrat, und deren Mitglieder größtenteils in den 1940ern geboren wurden. Heutzutage ist nur noch eine Handvoll dieser Autoren literarisch aktiv. Einigen gelang es, sich neu zu erfinden. So der Dichter Mario Azzopardi, bekannt für seine engagierten Gedichte, der heute auch Kurzgeschichten für Jugendliche schreibt. Neben Texten von Azzopardi stellen wir drei andere Schriftsteller seiner Generation vor: die Lyriker Albert Marshall und Joe Friggieri und den Prosa-Autor Trevor Żahra. Nicht alle drei waren Mitglieder von Moviment, ihre Arbeiten haben aber bis heute großen Einfluss.

Das teilweise Verstummen der Moviment-Autoren schuf Platz für eine jüngere Dichtergeneration: zum Beispiel Immanuel Mifsud und Adrian Grima, die in den späten 1960er Jahren geboren wurden. Diese verhalfen auch jüngeren Schreibern zu ihrem Erfolg, etwa Norbert Bugeja und Antoine Cassar. Der größte Wandel in letzter Zeit war vielleicht das Aufkommen weiblicher Stimmen: Simone Inguanez, Nadia Mifsud und Simone Galea sind nur drei Vertreterinnen einer weiblichen, feministischen Literatur. In diesem Zusammenhang ist auch die Dichterin Maria Grech Ganado von besonderem Interesse: Obwohl sie einer älteren Generation angehört, war sie in den 1960ern kein Mitglied vonMoviment und begann mit der Veröffentlichung ihrer Texte erst 1999.

Bei der Prosa ist die Lage komplizierter. Immanuel Mifsud und einige Kollegen wie Pierre J. Meilak, Walid Nabhan und die jüngere Clare Azzopardi sind die Verfasser bahnbrechender Kurzprosa, scheuen sich aber bisher vor Romanen. Das Genre wurde allgemein vernachlässigt. Daraus ergibt sich die sonderbare Situation, dass in Malta die zeitgenössische Prosa von Kurzformen dominiert wird, während die bedeutsamsten Romanciers nach wie vor Autoren wie Frans Sammut (ein weiteres Mitglied von Moviment, gestorben 2011), Alfred Sant und Trevor Żahra sind.

Unsere Textzusammenstellung ist als unvollständige Momentaufnahme der zeitgenössischen maltesischen Literatur zu verstehen. Ein umfassendes Bild war nicht unser Ziel. Ebenso wenig hatten wir die Absicht, Grenzen zu stecken. Vielmehr möchten wir zu einer Öffnung der maltesischen Literatur beitragen und ihren Wirkungskreis erweitern. Wir wünschen eine interessante Lektüre!

Image Copyright Gilbert Calleja