Transcript 2001 - 2014

Diese Ausgabe von Transcript widmet sich einer eigentümlichen Literatur. Einer Literatur, die zweifellos über aber auch zwischen, hinter und trotz vieler Grenzen existiert. Ihre Ursprünge finden sich im 5. Jahrhundert, als zur religiösen und nationalen Selbsterhaltung das armenische Alphabet entstand. Über ein Jahrtausend später sind die armenische Sprache und Literatur immer noch wesentliche Bestandteile der nationalen Kultur und Identität. Ihr hoher Stellenwert rührt von der Tatsache, dass die Armenier in ihrer prekären Existenz über lange Strecken kein festes Staatsgebiet hatten. Ihre Geschichte ist in weiten Teilen von Invasionen, Auswanderungswellen und Vertreibungen geprägt. Diese territoriale Unsicherheit hatte großen Einfluss auf die Bedeutung der literarischen Kultur. Bei unklaren reellen Landesgrenzen bildeten die Texte, zumindest als Behelf, ein symbolisches Territorium.

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Foto aus der Serie „Singles“ von Anahit Hayrapetyan

Eine eigene moderne Schreibkultur bildete sich in Armenien ungefähr im 18. Jahrhundert heraus, zunächst als nationsbildende Maßnahme. In dieser Zeit der Wiederbelebung entstanden zeitgleich große Handelsnetze, und der Buchdruck fand Verbreitung. Es ist bezeichnend, dass diese beiden Entwicklungen weder in der Region des heutigen Armenien stattfanden noch in seiner kurzzeitigen Ausdehnung bis tief nach Ostanatolien hinein: Die literarische und intellektuelle Wiederbelebung Armeniens fand weitgehend außerhalb der Landesgrenzen statt, in der Diaspora, an unvermuteten Orten wie dem indischen Madras oder Kalkutta und in einigen europäischen kulturellen Hochburgen, insbesondere in Venedig, Wien und Amsterdam, aber auch im ukrainischen Lemberg und in Moskau. Diese Orte waren durch Handel und philanthropische Aktivitäten miteinander verbunden, die zum Bau zahlreicher Gemeinschaftseinrichtungen führten, vor allem von Bildungsinstitutionen. Diese Aufwendungen begünstigten im Folgenden den wirtschaftlichen und intellektuellen Austausch, so dass sie bald Übersetzungen und multilokale Publikationsprojekte nach sich zogen. Die aufkommende Buchkultur wiederum verstärkte durch die Verbreitung der Ideen des zumeist europäischen Humanismus ihrerseits transnationale Verbindungen.

Obgleich die armenische Literatur in ihren Ursprüngen global vernetzt ist, entzweite sie sich im Weiteren zu zwei regionalen Ausprägungen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kann man von zwei armenischen Literaturen sprechen, die zwar miteinander in Austausch stehen, aber klar unterscheidbar in ihrer jeweiligen, standardisierten Regionalsprache verfasst sind: dem Westarmenischen, das im Osmanischen Reich und in den kulturellen Hochburgen der kontinentaleuropäischen Diaspora beheimatet ist; und dem Ostarmenischen, das die Armenier in den Gebieten entlang der östlichsten Grenzen des Osmanischen Reiches sprechen, die sich zunächst unter persischer, später unter russischer Herrschaft befinden. Diese linguistische Plurizentrizität besteht bis heute fort.

Die Genese der westarmenischen Literatur, deren Zentrum de facto in Istanbul lag, kann einer urbanen Intelligenzija zugerechnet werden, die ihre Ausbildung in Europa genossen hatte, vornehmlich in Paris und Venedig. Entsprechend der damaligen Tendenz lebten ihre Vertreter das Doppelleben professioneller Literaten, die die Sprache und politische Orientierung des armenischen Nationalbewusstseins wechselseitig prägten und umprägten. Die Arbeit dieser Männer – Frauen setzten ihre literarisch-intellektuellen Akzente erst später – begünstigte die endgültige Abkehr vom Alt-Armenischen, der zuvor üblichen Literatursprache. Sie bereitete auch den Weg für die zukünftigen Erfolge der Autoren der Romantik und des Realismus. Die moderne ostarmenische Literatur folgte in ihrer Genese einer ähnlichen Linie. Statt in Istanbul und Kontinentaleuropa erlangten deren Vorreiter, nachdem sie namhafte armenische Bildungseinrichtungen durchlaufen hatten, ihre Reife jedoch hauptsächlich in Moskau und Tiflis. Anders als ihre westarmenischen Pendants sahen sich diese wegweisenden Personen der russischen Erzähltradition zugehörig. Daher rühren etwa ihr Bezug zur Ästhetik des Realismus, ihr sozialer und politischer Pragmatismus sowie der Populismus als kreative Perspektive und zulässige Methode. Obwohl sie sich unabhängig voneinander entwickelten, bewahrten die ost- und westarmenischen Traditionen dank der außergewöhnlichen Anstrengungen einiger Einzelpersonen, und in noch bedeutsamerem Umfang aufgrund der nationalrevolutionären Bewegungen des späten 19. Jahrhunderts, immerhin ein wenig Austausch bei.

Die verheerenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts entzweiten die beiden Entwicklungslinien an einem entscheidenden Punkt ihrer ästhetischen Errungenschaften. Doch diese Teilung stellte im Gegensatz zu den unzählbaren Verlusten des Ersten Weltkriegs und der frühen Sowjetjahre eine vergleichsweise geringe Bedrohung dar. An der osmanischen Front wütete der Völkermord gegen die einst einheimische armenische Bevölkerung. Zu seinen ersten Opfern zählte die westarmenische Intelligenzija, die vom herrschenden Komitee für Einheit und Fortschritt konsequent verfolgt wurde. Über 200 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, unter ihnen die bedeutsamsten Schriftsteller und Verleger, wurden am 24. April 1915 verhaftet und [in Todeslager] deportiert oder auf der Stelle hingerichtet. In den folgenden Monaten und Jahren erlitten viele Menschen dasselbe Schicksal. Die wenigen Überlebenden sprachen später von diesem gezielten Angriff gegen die Literaten im Sinne einer Enthauptung des armenischen Intellekts. Die westarmenische Literatur, erklärten sie, erlebte somit ihren Untergang. In der Diaspora allerdings wurde mit gewisser Ausdauer bis vor ein paar Jahrzehnten weiterhin auf Westarmenisch geschrieben, was zwischenzeitlich zu einigen Blüten in Paris, im Nahen Osten, wie in eingeschränktem Maßstab auch in Nordamerika führte. Heutzutage droht dieser Literatur allerdings, aufgrund des Aussterbens der Sprache, in baldiger Zukunft der Niedergang.

Wie die vorliegende Zusammenstellung bekundet, erfreut sich dessen ungeachtet ihr anverwandter Zweig bemerkenswerter Vitalität. Zwar war die ostarmenische Literatur von sozialen Umbrüchen ebenso betroffen, doch fand sie über politisch gewundene Pfade Eingang in die sowjetische Kultur: Armenien, das 1918 für kurze Dauer unabhängig wurde, geriet ab 1920 unter sowjetische Herrschaft. Seine Geschichte ähnelt der zahlreicher anderer Sowjetrepubliken, in denen Verstaatlichung, stalinistischer Terror und der Zweite Weltkrieg ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Tribut forderten.

Die während dieser Ära vorherrschenden ideologischen Kräfte beeinflussten die armenische Sowjetliteratur, teils direkt, teils indirekt sowohl thematisch als auch stilistisch. Wie zu erwarten beschwor diese Literatur, vertreten von politisch stark engagierten Schriftstellern, in den ersten zehn Jahren eine revolutionäre Weltsicht. Eines ihrer Hauptanliegen war die Neuausrichtung der Ästhetik, um mit ihr die bürgerlichen, will heißen auch die nationale Strukturen zu überkommen. Ein weiteres Anliegen lag in der Stigmatisierung und Marginalisierung des Individualismus. Zu Beginn der 1930er Jahre war die Literatur erfolgreich zur Schaufläche für den kollektiven sozialistischen Alltag umdefiniert worden. Ironischerweise zielten die stalinistischen Säuberungen am Ende dieses Jahrzehnts just gegen einige dieser Autoren mit sozialistischer Ausrichtung, die verhaftet, deportiert, geschunden und wegen angeblich nationalistischer Haltung umgebracht wurden.

Im folgenden Jahrzehnt, das auch den Zweiten Weltkrieg einschloss, vollzog die Geschichte eine interessante Wendung. Der historische Roman, im 19. Jahrhundert das Aushängeschild der armenischen Literatur, verschwand nach dem Ersten Weltkrieg gänzlich. In den 1940ern tauchte er als Untergenre wieder auf, stand aber im Widerspruch zur ideologischen Vorgabe, die gegenwärtige Realität darzustellen. Dennoch brachte die Erfahrung des totalen Krieges wieder einige historische Romane hervor, die eine kollektive Vergangenheit voll von heldenhaften Kämpfen schilderten. Der implizite Nationalismus dieser Texte bekam in der Zeit des Kalten Krieges noch deutlichere Konturen. Inzwischen hatten nationalistische Bewegungen an Boden gewonnen, und die Literatur unterzog die nationale Vergangenheit einer ernsthaften Neubewertung durch den Zeitgeist. Währenddessen schlugen einige Schriftsteller, insbesondere Rückkehrer aus dem Militärdienst, einen thematisch anderen Kurs ein, und beschrieben in ihren Texten die Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Diese Ära neu aufkommender Selbstreflexion bereitete den Weg für die folgende Phase erneuter Hinwendung zum Individualismus, angeführt von den Dichtern der 1970er und weiterentwickelt von den Autoren des psychologischen Romans in den 1980ern. Als gegen Ende des 20. Jahrhunderts das Tabu des Individualismus verschwand, entwickelte sich die Literatur fortan recht unbehelligt von politischen Vorgaben.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 stellte einige neue Herausforderungen an das unabhängige Armenien. Ein langwieriger Krieg mit Aserbaidschan über Gebietsansprüche in der Region von Bergkarabach verschlimmerte die schon komplizierte wirtschaftliche und geopolitische Lage der jungen Nation. Eine angeschlagene Wirtschaft führte und führt immer noch im großen Maßstab zu Auswanderung, vornehmlich nach Russland und in die Vereinigten Staaten. Das Land hat derzeit mit einer allgemeinen Untergangsstimmung zu kämpfen, in der sich die Künste vor wachsenden ideologischen und finanziellen Hürden sehen. Die Initiative von Transcript, in dieser Ausgabe übersetzte armenische Literatur vorzustellen, kommt also zu einem äußerst passenden Zeitpunkt.

From the photo story "To the Tsitsernakaberd" from Anahit Hayrapetyan