Transcript 2001 - 2014

Pelin Özer – Lyrik

Von Pelin Özer
Originalsprache: Türkisch
Übersetzung ins Deutsche von Zafer Şenocak
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
Standard-text | Formatierten text

HAIKUS

***

Susan taşları
Topladım bahçelerden—
Sonsuzluk beyaz

Verstummte Steine
Sammelte ich aus Gärten
Ewigkeit ist weiß

***
Kışa sarınsan
Yapraklar battaniye
Kar cam kulübe

Umhüllt dich Winter
Blätter sind deine Decke
Aus Schnee dein Glashaus

***

Alev içinde
Geçip giden vapurlar
Kışın gölgesi

Durch das Flammenmeer
Ziehen Schiffe in die Ferne
Schatten des Winters

***

Polen perdesi
Çekiliyor güneşe
Yaz gelsin diye

Den Pollenvorhang
Vor die Sonne gezogen
Dass der Sommer kommt

***

Parçalanıyor
Toprağın gergin teni
Işıkla yorgun

Es splittert auf
Die straffe Haut der Erde
Mit dem Licht ringend

***

Akşam ışığı
Vapurdan önce geçti
Karşı kıyıya

Das Abendlicht eilt
Zum Ufer gegenüber
Der Fähre voraus

***

Bulutlar dağda
Parçalanıyor tek tek—
İzleri boşluk

Einzeln zersplittern
Die Wolken überm Gipfel
Ihre Spur Leere

***

Kıpırtısız göl
Hecesini gizliyor—
Yaz haikusu

See ohne Regung
Versteckt seine Silben
Ein Sommerhaiku

***

Ansızın açar
Buzun ilk çiçekleri
Hep kırılarak

Plötzlich blühen sie
Die ersten Eisblumen
Zerbrechen dabei

Artwork from Paper Ship

Lied dessen, der sein Geheimnis weint

I

Ich begann Metall zu sammeln vom Geäst
Dann stieß der Berg ein Wehgeschrei aus
Ich hielt es für ein stilles Abkommen zwischen
Mir und der Erde
Wie ein Geheimnis würde sie mich umhüllen

Es war vor dem Niedergang des Regens, gar kein Geruch
Da begriff ich zum ersten Mal dass sie auch Arme hatte

II

Ich schmolz Eisen aus Wurzeln
Von den Höhen herab rollten Silben auf meinen Kopf
Zwar haben diese Bäume keine Zunge
Würden mich aber hören
Hatten sie doch früher
Mich in Blätter gehüllt und verborgen

So lange hielt ich mich auf im Schatten, grün war mein Schlaf
Da begriff ich zum ersten Mal dass eine Farbe die Welt ist

III

Ich entdeckte Nägel auf dem Schwanz eines Reptils
Von der Erde die ich aushob sickerten bejahrte Lichter
Von fadendünnen Bächlein die dort rinnen, wusste ich
Dass sie mich bis in die Meere trugen
Und mich hielten am Leben

Der Stein brüchig geworden, hatte sich in Erde und von der Erde in Wasser verwandelt
Da begriff ich zum ersten Mal die Abstammung des Körpers aus Lehm

Photographie de Simon Duclut-Rasse