Transcript 2001 - 2014

Das Mittelmeer beider Ufer

Von Thierry Fabre
Originalsprache: Französisch
Übersetzung ins Deutsche von Andreas Jandl & Katrin Thomaneck
Thema: Eindrücke vom Mittelmeer
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Ein Interview mit Thierry Fabre
(von Katrin Thomaneck & Emmanuel Gros)

Im Juli 2013 konnten wir Thierry Fabre für ein Interview in dem vor Kurzem unweit der Einfahrt zum alten Hafen eröffneten Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MuCEM) in Marseille gewinnen. In einem ausführlichen Gespräch erzählte Thierry Fabre vom Mittelmeer, das in den Worten des Historikers Fernand Braudel „tausend Dinge zugleich“ ist.

Thierry Fabre, Sie waren und sind in vielen Bereichen aktiv: Sie gaben im Verlagshaus Actes Sud die Reihe „Bleu“ heraus, Sie wirkten als Chefredakteur der Zeitschrift La pensée de midi, weiterhin haben Sie die „Rencontres d’Averroès“ ins Leben gerufen; Sie schreiben Bücher und Essays und leiten momentan im MuCEM die Abteilung Kultur und internationale Zusammenarbeit. Darüber hinaus verantworten Sie als Hauptkurator die Eröffnungsausstellung des MuCEM: „Le Noir et le Bleu. Un rêve méditerranéen“.
Alle Ihre Aktivitäten haben in irgendeiner Weise mit dem Mittelmeer zu tun. Erzählen Sie uns ein wenig über Ihren Werdegang. Wie kam es zu diesem Interesse und diesen vielseitigen Tätigkeiten?

Es ist eigentlich kein Zufall, sondern ganz folgerichtig. Im Jahr 2000 veröffentlichte ich das Buch „Traversées“ (Überfahrten), in dem ich von einer Reise erzähle, die auf den Lérins-Inseln beginnt und dort endet. Diese Inseln liegen vor meiner Geburtsstadt Cannes im Mittelmeer. Als Kind bin ich öfter dorthin gefahren. Auf einer dieser Inseln befindet sich ein vom Heiligen Honoratus im 5. Jahrhundert gegründetes Kloster. Von dort hat man einen Blick auf das Mittelmeer, der alle Sinne anspricht. Mein Bezug zu diesem Meer rührt zweifellos von den Lérins-Inseln, von ihrer meditativen Perspektive, ihrer spürbaren Landschaft, wie auch vom Horizont und der Frage, was sich wohl dahinter befindet? Seit mich diese Frage beschäftigt, habe ich den Wunsch, auf die andere Seite zu schauen.
Dann lernte ich Jacques Berque kennen, einen Spezialisten der Arabischen Welt und Dozent am Collège de France, der bei seiner Abschiedsvorlesung unter dem Titel Andalousies folgendes sagte: „Ich rufe nach meinen stets neu begonnenen Andalusien, von denen wir die Trümmer in uns tragen wie auch deren unbändige Hoffnung“. Mein Treffen mit Jacques Berque weckte in mir den Wunsch, mehr zu erfahren: Ich begann Arabisch zu lernen, lebte ein Jahr in Ägypten, arbeitete dann sieben Jahre am Institut du monde arabe in Paris und gründete die Zeitschrift Qantara.
Für mich sind die Literatur, das Erzählen und das Mittelmeer eng miteinander verbunden, ich würde sogar sagen, das Mittelmeer gibt es nur, wenn es erzählt wird. Es besteht aus Erzählungen, einem Palimpsest von Geschichten.

Mein Bezug zum Mittelmeer ist in erster Linie ein sinnlicher, ein Gefühl aus der Kindheit, voller Staunen, und dabei fühle ich mich übrigens auch dem sehr nah, was Erri De Luca über Neapel schreibt. Später bekam dieser Bezug zusätzlich eine spirituelle Dimension sowie eine politisch-internationale, mitsamt den dazu gehörigen Überlegungen. Aber davon wandte ich mich recht bald wieder ab und interessierte mich vielmehr für eine literarische und philosophische Sichtweise, den mediterranen Gedanken.
Eine andere, für mich äußerst wichtige Figur ist Albert Camus. Ich las ihn wieder und wieder. Camus ist jemand, den man immer wieder liest. Als ich in Ägypten lebte, verbrachte ich oft den Nachmittag mit Camus’ Büchern in einem Café. Ich stieß auf seinen Text „Helenas Exil“, der so beginnt: „Das Mittelmeer hat seine sonnenhafte Tragik, die so ganz anders ist als das Tragische der Nebel.“ In diesem, René Char gewidmeten Text spricht Camus zum ersten Mal vom „Gedanken des Mittags“, dem mediterranen Denken. Der Text faszinierte mich.
Die Lérins-Inseln und Camus in einem Kairoer Café, so lassen sich vielleicht einige der Denkanstöße und Einflüsse zusammenfassen, die mich geprägt haben.

Doch zwei weitere Dimensionen sind in diesem Zusammenhang sehr wichtig; die erste ist die Trennung von Norden und Süden, und die zweite das Unwissen darüber, was am Südufer des Mittelmeers passiert, die Angst vor der arabischsprachigen Welt, die Islamophobie. Ich habe immer wissen wollen, was hinter dem Horizont passiert, also ging ich hin, sah es mir an und verstand ziemlich schnell, dass wir dieses politische Konstrukt, dieses Erbe der Kolonialzeit überwinden müssen.
Den Horizont überqueren, die Blickrichtung wechseln. Sich für die andere Seite interessieren, sich vom mediterranen Vergangenheitskult lossagen, oder anders ausgedrückt, sich von einem nostalgischen Bild des Mittelmeers lösen, alte Steine forträumen, die im Weg liegen, sich von ihrem Erbe befreien, von einer gewissen Ermüdung. Als ich auf die andere Seite ging, sah ich eine junge Generation, sah ein kreatives Mittelmeer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.
Übrigens kann man heute rund um das Mittelmeer genau das beobachten: Hier bildet sich eine kreative Szene, die auf den Gebieten der Musik, der Ästhetik, der Malerei und des Films sehr fruchtbare neue Formen hervorbringt. Und darauf kommt es mir an, ich will ein kreatives Mittelmeer, das die Trennung und den Vergangenheitskult überwindet. Ein Mittelmeer, das das „Gedächtnis beider Ufer“ wahrt, so der Untertitel der „Rencontres d’Averroès“, diese Aufgabe ist zugleich ein Vermächtnis wie auch eine Suche.
AverroesAff2013

Noch einmal zurück zur Frage der Repräsentation des Mittelmeers, seiner „narrativen Identität“, wie Paul Ricœur es einmal formulierte. In einem Interview haben Sie einmal gesagt: „Es gibt weder eine mediterrane Einheit noch eine mediterrane Identität. Das Mittelmeer ist eine Erzählung“, ein „Verbund von Repräsentationen“.

Zur Jahrtausendwende habe ich gemeinsam mit Robert Ilbert eine Buchreihe mit dem Titel „Les représentations de la Méditerranée“ herausgegeben. Auf dem Cover des ersten Bands sieht man eine Landkarte des andalusischen Geografen al-Idrîsî. Auf dieser Karte findet sich Afrika oben und Europa unten. Ich war bei Recherchen für eine Ausgabe der Zeitschrift Qantara auf diese gestoßen und war höchst erstaunt. Die Darstellung stellt die gewohnte Anordnung der Kontinente, wie wir sie heute kennen, auf den Kopf, und gewissermaßen auch die Beziehung zwischen Norden und Süden. Schließlich haben wir alle bestimmte Karten im Kopf. Für einen andalusischen Geografen des 12. Jahrhunderts zeigte sich der Mittelmeerraum auf eine ganz andere Weise. Wir wollten mit diesen Bänden die verschiedenen Sicht- und Darstellungsweisen der mediterranen Welt zeigen. In gewisser Hinsicht muss der Blick dezentriert werden, wir besahen uns also die Türkei, Deutschland, Tunesien, Spanien und auch den Libanon, leider konnten wir damals nicht überall hinreisen. Die Beziehung zum Mittelmeer kann man, so scheint es mir zumindest, nicht losgelöst von der Frage nach der erzählerischen Einbettung behandeln. Die „narrative Identität“ war für mich eine Möglichkeit, dem mediterranen Essentialismus zu entkommen, das Mittelmeer nicht erstarren zu lassen, und mir nicht immer die Frage stellen zu müssen „worin besteht eine mediterrane Identität?“, denn darum geht es letzten Endes gar nicht. Ließe sich etwa die europäische Identität in zwei Sätzen zusammenfassen? Die mediterrane Welt entstand in einem gewissen Kontext, kam dann in Bewegung, trat in vielfachen Austausch, und andere nahmen sie in Besitz. Schriftsteller wie der Ägypter Taha Hussein zeigen die Offenheit, die vielfältigen Quellen des mediterranen Imaginären. Mit dieser Quellenarbeit umgeht man einen gewissen nationalistischen Diskurs.
Um einen geografisch begrenzten Raum handelt es sich beim Mittelmeer auch nicht: Es kommt auf die Wechselwirkung der Erzählungen an, so gibt es etwa in Deutschland eine bemerkenswerte mediterrane Vorstellungswelt. In der Ausstellung „Le Noir et le Bleu“ finden sich im Übrigen auch Betrachtungen deutscher Denker zu den mediterranen Kulturen, etwa Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“. Dieses Buch ist eine Verherrlichung des Lebens. In Camus Texten zum Mittelmeer finden sich unter anderem deutliche Einflüsse von Nietzsche. Und auch aus den Trümmern des Kolonialismus und des Zweiten Weltkriegs erwachsen wieder mediterrane Träume.
Das Meer verbindet, es ermöglicht den Austausch, damals und heute. So darf man nicht das jüdisch-arabische Erbe Europas vergessen (insbesondere auch die Weitergabe von Werken mittels Übersetzung), wie einige unserer Politiker und Denker dies gerne tun. Die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts ist meiner Meinung nach folgende: Wird das Mittelmeer in der Lage sein, eine geeinte Welt zu schaffen?

Von dieser Frage lässt sich gut zu unserem nächsten Stichpunkt überleiten: der Mittelmeerraum als Ort von Austausch, Bewegung und kultureller Durchmischung, in dem viele kosmopolitische Städte lagen, so etwa Alexandria, Beirut oder auch Izmir. Heute ist der Kosmopolitismus eher in den Städten des nördlichen Mittelmeerraumes anzutreffen, auch wenn zahlreiche europäische Politiker diese Realität offenbar verneinen und diese Chance ausschlagen.

Mit der Unabhängigkeit und der Gründung der Nationalstaaten ging am Südufer eine gewisse Form des Kosmopolitismus zu Ende. Heute ist der Kosmopolitismus verstärkt in Städten wie Marseille anzutreffen, aber auch in Brüssel oder Berlin. Und wenn man die Bevölkerungspyramiden der beiden Mittelmeerufer vergleicht, sieht man, dass sie genau gegenteilig ausfallen. Die Frage ist: Werden sie einander ergänzen oder kommt es zu einer Dynamik der Konfrontation? Der Mittelmeerraum bietet dahingehend eine Chance, denn man kann mitten im Meer keine Mauer bauen, die beiden Ufer lassen sich nicht trennen.

Ich möchte noch einmal auf Camus zurückkommen, der in „Helenas Exil“ sinngemäß sagt: „Auf eine gewisse Art ist der Sinn der Geschichte von morgen anders, als man glaubt. Er besteht im Kampf zwischen der Schöpfung und der Inquisition. Trotz des Preises, den die Künstler mit ihren leeren Händen werden bezahlen müssen, dürfen wir auf den Sieg hoffen.“ Auch hier stoßen wir wieder auf die Vorstellung eines kreativen Mittelmeers …

Ja, wir befinden uns mitten in diesem Kampf zwischen künstlerischem Schaffen und Inquisition. Die große Dynamik dieser Konfrontation ist faszinierend. Das kreative Mittelmeer setzt sich für die Durchlässigkeit von Grenzen ein und stellt sich jeder Form von Faschismus entgegen. Das möchten wir auch in der Ausstellung „Le Noir et le Bleu“ zeigen. In gewisser Hinsicht haben wir auch volle Hände: Wenn Camus vom kreativen Schaffen spricht, dann meint er, dem Leben Form und Sinn zu geben und Werke zu schaffen. Stellen wir uns also auf die Seite der Kreativen.
Hier im MuCEM versuchen wir, einer „Politik des Geistes“, wie Paul Valéry es ausdrückte, Form zu verleihen; wir wollen eine nicht-eurozentristische Sichtweise entwickeln, wollen mittels zahlreicher Konferenzen, Diskussionsrunden, Ausstellungen und Treffen eine Weltgeschichte aufzeigen, auch über das Kulturhauptstadt-Jahr 2013 hinaus. Wir wollen die dynamische Künstlerszene des Mittelmeerraumes erfahrbar machen.
Und die Besucher lassen sich darauf ein. Das Werk offenbart immer auch eine gewisse Nachfrage. Ich halte es einfach für richtig, auf die Intelligenz zu setzen.

In einem Interview erwähnten Sie einmal, Ihr Traum sei es, ein „mediterranes Bauhaus“ zu begründen. Was hat es damit auf sich?

Das ist mein nächster großer Traum. Was ich beim Bauhaus so faszinierend finde, ist die Tatsache, dass seine Begründer unsere Lebensweise verändert haben. Es handelt sich um ein reelles Verwandlungsprojekt des Alltags durch Architektur, Design und andere Kunstformen. Eine der Stärken der mediterranen Welt ist nun einmal, was ich die mediterrane Lebensweise nennen würde. Diese hat nichts Rückwärtsgewandtes oder Nostalgisches an sich, sondern schaut nach vorne ins 21. Jahrhundert. Zu dieser Lebensweise gehört auch eine bestimmte Art der Ernährung. Und diese scheint mir entscheidend für die Zukunft. Fastfood durch Slowfood zu ersetzen, ist äußerst wichtig für unsere Gesundheit. Die allgemeine Beschleunigung, die Kommerzialisierung unserer Welt, die Zerstörung des Planeten – die mediterrane Welt scheint mir gute Antworten auf diese Herausforderungen zu haben. Daher wünsche ich mir, einer „Fabrik des Mediterranen“ Form zu geben, was heißt, dass ich das Leben auf dieser Welt als Kunst betrachten möchte. Ich glaube, man kann dank dieser Durchwachsenheit, Energie und Vitalität etwas „ganz“ (aber keineswegs „rein“) Mediterranes erschaffen, das dem Mittelmeer des 21. Jahrhunderts ein Gesicht oder mehrere Gesichter gibt, es mit einer Art symbolischer Macht ausstattet und mit einem wiedererkennbaren Stil versieht. Machen wir uns selbst zu den Erfindern der Formen unseres Jahrhunderts. Mir scheint, am Mittelmeer gibt es – wie Nietzsche und Camus ganz richtig bemerkten – ein bestimmtes Licht, eine Helligkeit, eine fröhliche Wissenschaft, die unsere Lebensweise in die von uns gewünschte Richtung verändern können. Sagen wir ja zu einem mediterranen Lebensstil des 21. Jahrhunderts!
Ich glaube, dass sich die Zukunft Europas am Mittelmeer entscheidet, im Guten wie im Schlechten.
Außerdem braucht man im Leben Utopien. Im Eingangsbereich zur Ausstellung „Le Noir et le Bleu“ steht beispielsweise dieses wunderbare Zitat des libanesischen Schriftstellers Wajdi Mouawad:

„Es scheint, dass hier
In dieser Hartnäckigkeit zu träumen;
Ihre Unantastbarkeit liegt;
Dass in dieser Hartnäckigkeit zu träumen
Jede Kultur Sinn und Richtung findet.“